Quengelterror 2011
Fachhochschule Bielefeld
Fachbereich Gestaltung
Lampingstr. 3
33615 Bielefeld
Projektleitung
Prof. Anja Wiese, FB Gestaltung, Tel.: 0521-106 7641
anja.wiese@fh-bielefeld.de
Laufzeit
März - September 2011
Kurzbeschreibung
Die Audio-Video Installation „Quengelterror“ besteht aus sieben Monitoren und sieben DVD Playern, die Geräte stehen auf dem Boden in einem abgedunkelten Raum. Die Videobilder und der Ton laufen dauerhaft-endlos.
Bei vier Videos handelt es sich um rundum Schwenks über Landschaften -sowohl im Closeup gegen den Boden gerichtet als auch um Schwenks in der Totale. Die Bilder zeigen ein Rheinpanorama, eine Feldlandschaft, eine Wiese, ein Kiesbett. Drei weitere Videos zeigen unscharfe, ruhige Bewegungen von weiblichen Körpern, die von einer statischen Kamera aufgezeichnet wurden. Eine solche Einstellung zeigt Oberkörper bis Hüfte einer Frau die Kleidungsstücke bügelt. Eine zweite Einstellung zeigt einen, in die eigene Körperlichkeit und in räumlicher Stille und Dunkelheit versunkenen wiegenden rhythmischen Tanz. Die dritte Einstellung zeigt in Nahaufnahme einen haarlosen Kopf - der in motorischer Stereotypie zügig vor und zurück schaukelt.* Seine Augen fixieren die Camera.
Die zugleich gezeigten Bildergruppen von Landschaften und Körpern bilden Gegensätze. Die stark bewegten Kreis-Schwenks sind zusätzlich von einem „systemischen Bildzucken“ durchzogen, das heißt Einzelbilder der Sequenzen sind nach einfachen mathematischen Schlüsseln gegeneinander ausgetauscht, so dass der Eindruck eines Bildzuckens, einer starken, visuell fast unerträglichen Bildstörung entsteht. Die Bilder, welche die Körper zeigen, sind dagegen sehr ruhig und statisch, ja fast schön anzusehen. Sie bilden den visuellen Gegenpol zu den nervösen Einstellungen einer suchenden oder überwachenden - weil die Landschaft rundum scannenden - Camera.
Zu allen Bildern entfaltet sich ein kakophonischer Klangteppich, welcher aus der Gleichzeitigkeit der Tonebenen aller Videos entsteht. Der Ton eines Videos ist jeweils ein in seinen konkreten Details anonymisierter Klage- oder Beschwerdetext, welcher sachlich berichtend oder mit natürlicher Empörung vorgetragen und aufgezeichnet wurde. Die zugrundeliegenden Tagebuchtexte, in denen gesellschaftliche Situationen des Alltags- und Arbeitslebens analysiert und beklagt werden, wurden tontechnisch jeglicher Atempausen und konkreter Angaben beraubt. Sie wurden so bearbeitet, dass der Eindruck eines atemlosen Klagen und Anklagens, einer Litanei und endlosen Quengelei entsteht. Die durchaus ernsthaften und tatsächlich beklagenswerten Sachverhalte werden so durch ihre mehrfache Verstärkung und akustische Übertreibung und Beschleunigung der Lächerlichkeit preisgegeben. Hinzu kommt, dass der Betrachter der Installation nur mit Mühe einen einzelnen Sachverhalt aus der babylonischen Wortverwirrung und Kakophonie sirenischer Klagen herausschälen kann. Die Installation erzwingt durch ihre teilweise unangenehme Reiz-Überfülle in der Wahrnehmung des Einzelnen zunächst eine Reduktion der Wahrnehmung auf einzelne Fragmente. Diese einzelnen Fragmente als Ergebnis einer erschwerten oder überforderten Wahrnehmung können durch den Betrachter oder die Betrachterin durchaus in einen Sinnzusammenhang gebracht werden. Allerdings thematisiert die Arbeit die Wahrnehmung komplexer konfliktreicher Zusammenhänge unter erschwerten komplexen konfliktreichen Bedingungen. Insofern sie also eine Überflutung an akustischen und nervenzehrenden optischen Reizen künstlerisch inszeniert, wird sie selbst Teil eines Systems beunruhigender Einflußnahmen auf das Individuum – eine Erfahrung der das Werk sich verdankt und die es spiegelt.
Anja Wiese
*siehe Hospitalismus oder Deprivationssyndrom (Jactatio Corporis/ Jactatio Capitis)



