Neu am Fachbereich
Jacqueline Mugaragu-Lamprecht
Seit dem 2. Januar ist Jacqueline Mugaragu-Lamprecht zurück am Fachbereich Sozialwesen.
AE: Zurück am Fachbereich?
JML: Ja, ich habe hier studiert. Mein Diplom im Fach Sozialpädagogik habe ich am Fachbereich abgelegt. Zunächst hatte ich eine Ausbildung zur Krankenschwester im Klinikum Mitte gemacht und habe im klinischen, wie außerklinischen Bereich als Krankenschwester gearbeitet.
AE: Was heißt das, außerklinischer Bereich?
JML: Das sind zum Beispiel ambulante Dienste oder Angebote in Tageskliniken. Ich habe im Bereich Psychiatrie und Gerontopsychiatrie gearbeitet.
AE: Was hat sie bewogen, am Fachbereich zu studieren?
JML: Bei mein
er Arbeit in der Klinik bin ich schnell auf die besondere Lage von MigrantInnen im deutschen Gesundheitswesen aufmerksam geworden. Ganz praktisch wurde ich wegen meiner Sprachkenntnisse oft gebeten, für PatientInnen zu übersetzen, so bin ich intensiv, über meine medizinischen Aufgaben als Krankenschwester hinaus, in Kontakt mit PatientInnen mit Migrationsgeschichte gekommen und habe ein Gespür für ihre individuellen Problemlagen bekommen. Darüber wollte ich mehr wissen und bin auf das Lehrangebot am Fachbereich aufmerksam geworden.
AE: Warum gerade der Fachbereich Sozialwesen der FH Bielefeld?
JML: Meine Möglichkeiten auf die Problemlagen als Krankenschwester zu reagieren, waren beschränkt. Am Fachbereich erfuhr ich ein breites, vielseitiges Lehrangebot mit einem reichen Angebot in meinem Fokus "Interkulturelle Kompetenz". Über mein Diplom hinaus verdichtete sich mein Erfahrungswissen mit dem Input aus der Hochschule zur Fragestellung, die mich dann in meiner Masterarbeit beschäftigte: Wie kann ich die pragmatische Ausrichtung der Krankenpflege im Spannungsfeld interkulturelle Kommunikation mit den wissenschaftlichen Fragestellungen in diesem Bereich verknüpfen? Und konkret: Wie kann ich MigrantInnen helfen, im deutschen Gesundheitssystem besser zurecht zu kommen? Bereits im Studium habe ich meinen Schwerpunkt im Lehrgebiet Psychiatrie gelegt. In diesem Feld habe ich dann nach Abschluss des Studiums gearbeitet. Ich habe eine interkulturell ausgelegte Tagesgruppe Jugendlicher therapeutisch begleitet. Das war eine Vertretung, so dass sich nach der Rückkehr der Stelleninhaberin die Frage stellte: Was nun? Zurück in den Beruf der Krankenschwester oder in ein anderes Betätigungsfeld? So habe ich 2008 zunächst das Studium der Gesundheitswissenschaften an der Uni Bielefeld aufgenommen.
AE: Zunächst?
JML: Ja, im zweiten Semester habe ich an den Fachbereich zurück gewechselt in den Masterstudiengang "Angewandte Sozialwissenschaften". Hier hat mich der umgesetzte Praxisbezug begeistert und mir den Masterabschluss im Jahr 2010 durch die Erarbeitung meiner Fragestellung am konkreten Praxisprojekt ermöglicht.
AE: Wie ging es dann beruflich weiter?
JML: Zunächst habe ich weiterhin als Sozialpädagogin gearbeitet. Und zwar in der kommunalen Arbeitsvermittlung bei der REGE GmbH. Und jetzt bin ich hier…
AE: Ihre Aufgaben als Vertreterin der Fachbereichsreferentin sind inhaltlich ein ganz neues Feld oder?
JML: Ja und nein. Ich freue mich auf die neue Herausforderung, die sich aus der Stellenausschreibung ergibt. Ich denke aber auch, dass ich mich kontinuierlich weiter für Integrationsförderung einsetzen werde. Hier studieren viele Menschen mit Migrationsgeschichte und auch das Kollegium der Lehrenden ist interkulturell. Hier möchte ich mich dafür einsetzen, dass das vertrauensvolle, mitunter geduldige und respektvolle Verhältnis, das ich als Studentin mit meiner individuellen Geschichte erfahren habe, auch weiterhin für kommende Studierendengenerationen befördert wird.
AE: Wie ist Ihr erster Eindruck vom Fachbereich aus Ihrer neuen Perspektive?
JML: Ich erlebe ein sehr familiäres Klima. Das Team um das Dekanat begegnet mir offen und freundlich, das Prüfungsamt arbeitet freundlich und lösungsorientiert. Das gefällt mir. Die DozentInnen, die mich noch als Studentin kannten, haben mich herzlich und interessiert wieder begrüßt. Ich fühle mich wohl.
AE: Sind die Aufgaben der Fachbereichsreferentin nicht verhältnismäßig trocken?
JML: Im Moment überwiegt gerade das Gefühl des Perspektivwechsels. Es ist ein ganz anderes Gefühl, vor dem Pult oder hinter dem Pult zu sein. Der Eindruck als Studentin ist ein ganz anderer als der einer Protagonistin an der Hochschule. Ich freue mich darauf, die internen Abläufe kennen zu lernen und die Arbeitsweisen der unterschiedlichen Menschen hier. Besonders positiv fällt mir auf: Ich kann Leute fragen. Niemand vermittelt mir das Gefühl, zu stören. Ich glaube, das ist eine gute Basis, um in dem neuen Aufgabenfeld und der Gemeinschaft des Fachbereichs Fuß zu fassen.
AE: Was sind Ihre ersten Projekte?
JML: Zunächst werde ich besonders das Dekanat organisatorisch unterstützen. Weitere Themen sind der Neubau und die Einführung des neuen Teilzeitstudiums. Ich möchte auch Ansprechpartnerin für die Lehrenden sein.
AE: Nach dieser Vorstellung mit Bild werden Sie auf dem Flur erkannt…
JML: (lacht) Naja, wahrgenommen werde ich meistens. Ich habe ja einen gewissen Exotenstatus. Vor 29 Jahren bin ich aus Ruanda zunächst nach Niedersachsen und dann zur Ausbildung nach Bielefeld gekommen. Hier habe ich meine Familie gegründet. Manchmal ist es lustig und manchmal eher nervig, wie Leute sich verhalten, wenn ich ihnen im Alltag begegne. Manche gucken, fixieren den Blick auf mich irgendwo zwischen verschreckt und fasziniert. Das ganze natürlich so, dass ich es nicht merken soll. Netter Versuch…
AE: Und dann treten viele Menschen in Kontakt?
JML: Ja, und das finde ich grundsätzlich gut. Der Klassiker ist dann: Wo kommen Sie her, wie lange sind Sie schon hier?
AE: Sie sprechen aber gut Deutsch…
JML: Genau. Einmal habe ich ehrlich gesagt ziemlich genervt geantwortet: Sie aber auch!
AE: 100 Punkte… Welche Rolle spielen für Sie Sprachen?
JML: Eine große! Ich spreche neben Deutsch, Englisch, Französisch, der Amtssprache in Ruanda, auch Kinyarwanda und Kishuaheli. Im Gespräch mit AfrikanerInnen wechseln wir oft zwischen den Sprachen. Das ist ein tolles Gefühl der Verständigung. Das Übersetzen ist für MigrantInnen so wichtig. Ich empfinde es als Bereicherung, so viele verschiedene Menschen verstehen und ihnen damit in der Kommunikation auf Augenhöhe begegnen zu können.
AE: Wie fühlen Sie sich hier am neuen Arbeitsplatz?
JML: Ich freue mich darauf, mich im Fachbereich einzubringen. Ich möchte den respektvollen Umgang, den ich hier erfahren habe, weitergeben. Ich freue mich darauf, mich hier beruflich und als Mensch weiter zu entwickeln.
AE: Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anna Bella Eschengerd mit Frau Mugaragu-Lamprecht am 5.1.2012
