FH Bielefeld
University of
Applied Sciences
05.12.2018

„Für mich ist Video einfach ein spannendes Feld. Man erweitert das Bild um die Achse der Zeit und lenkt den Betrachter stärker.“

Wir waren hier! (Teil 3): Ina Schoof ist Absolventin für Fotografie und Medien an unserem Fachbereich. 2017 war sie Meisterschülerin an der Hochschule für Künste Bremen (HFK) im Bereich Video- und Medienkunst.

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Globale Unternehmen buchen sie für Ihre filmisch-dynamische und sehr ästhetische Bildsprache.
Währenddessen macht sich sich in Kooperation mit ihrer Freundin und Kollegin Ana Baumgart mit freien Videoprojekten in der Kunstszene einen Namen und ist international in Gruppen- und Einzelausstellungen vertreten.
Ich habe nachgefragt, wie ihr all das gelingt, ob so etwas wie eine kulturelle Identität überhaupt existiert und wer ihr noch Antworten schuldig bleibt.
von Lena Gold

Frage:
Liebe Ina, seit 2007 arbeitest du sehr erfolgreich in der werblichen Fotografie. Zu deinen Kunden zählen internationale Firmen wie Coca-Cola oder Opus Fashion. Parallel dazu erarbeitest du aber auch mit deiner Freundin und Kollegin Ana Baumgart seit neun Jahren freie, konzeptionelle Videoprojekte. Hierfür habt ihr 2014 eine Projektförderung von der Stiftung Kunstfonds erhalten und im Januar 2018 mit eurer jüngsten Arbeit „no identities“ in einer Einzelausstellung den Auftakt der Reihe „Meisterschüler“ im Kunstverein Cloppenburg gegeben.
Wie schaffst du den gelungenen Spagat zwischen kommerziellem und rein künstlerischem Arbeiten, zwei Gebiete, die auf den ersten Blick doch zunächst sehr gegensätzlich erscheinen?


Ina Schoof:
Dieser Spagat gelingt mir unterschiedlich gut. Die Zusammenarbeit mit Ana Baumgart an unseren Videokunstprojekten und die Vertretung durch eine Fotorepräsentanz für meine kommerziellen Arbeiten begannen zeitgleich. Ich persönlich, auch wenn ich von außen Bedenken hörte, empfand das nicht als Widerspruch.
Für mich sind beide Gebiete eine Bereicherung und befruchten sich auch mitunter gegenseitig. Nicht auf den ersten Blick, aber dann würden sie auch beginnen zu verschmelzen, was mich nicht interessieren würde.
Natürlich gab es auch in den letzten Jahren immer wieder Momente, in denen es beinahe kollidiert wäre oder auch ist.

Miles&More

 

Frage:
Neben der Fotografie, aus der du ja ursprünglich kommst, beschäftigst du dich seit Langem mit dem Thema „Film“. Zu deinen freien Videoprojekten und deinen werblichen fotografischen Arbeiten kommen nun auch einige kommerzielle Werbevideos. Was reizt dich am Bewegtbild und welche Möglichkeiten bietet dieses Medium im Vergleich zur Fotografie?


Ina Schoof:
Für mich ist Video einfach ein spannendes Feld. Man erweitert das Bild um die Achse der Zeit und lenkt den Betrachter stärker.
Im Gegensatz zur Fotografie, zu der ich nach dem Abitur am Lette-Verein Berlin eine recht fundierte handwerkliche Ausbildung erhalten habe, habe ich mich dem Bewegtbild nach und nach angenähert. Auch viel amateurhafter! Das birgt natürlich mehr Risiko für Fehltritte und macht den Prozess aber auch spannender!
Video fordert mich noch immer mehr heraus - ein Umstand, den ich begrüße.

 

Frage:
Ausgangspunkt für deine konzeptionellen Videoarbeiten war das Studium für Fotografie und Medien an der FH Bielefeld. Hier hast du Ana Bamumgart kennengelernt und 2009 habt ihr mit dem ersten gemeinsamen Videoprojekt “I guess you don‘t know me 01” begonnen, eure Begegnungen mit anderen Kulturen auf persönliche Art und Weise zu beleuchten und ins Abstrakte zu übertragen. Zu eurer Arbeit schreibt ihr, dass ihr „[…] im Vorfeld ein Mittel [wählt], um in das gesellschaftliche Gefüge einzudringen.“, was doch immer wieder ein unerfüllter Wunsch zu bleiben scheint.
Inwiefern hat dich das Studium dabei unterstützt, freier und länger an Projekten zu arbeiten und dir vielleicht auch die Möglichkeit des Abstrahierens eingeräumt?


Ina Schoof:
Während meines Studiums in Bielefeld habe ich in Berlin gelebt und erst als Digitalassistentin und später als Werbefotografin gearbeitet. Ich hatte nie die Situation, wirklich ein Meer an Zeit im Studium vor mir zu haben. Ein Umstand, der Vor- und Nachteile mit sich bringt.
Die Arbeitsweise von Ana und mir - unsere ersten Projekte entstanden auf zeitlich klar begrenzten Reisen - waren für mich die Freiräume, die ich mir neben meiner kommerziellen Arbeit und nach meiner sehr strukturierten Zeit am Lette-Verein ersehnt hatte.
Meine immer wiederkehrenden Besprechungen an der FH Bielefeld zeigten mir, wie genau man am Ende eine Arbeit betrachten muß und das Entscheidungen zwar spontan, aber dennoch sehr bewusst gefällt werden. Dass wir auf Grund unserer Arbeitsweise an Arbeiten nichts nachbessern konnten, wurde uns dabei natürlich mitunter auch zum Vorwurf gemacht. Es hat aber auch unsere Haltung geformt.


Frage:
Welche ProfessorInnen und DozentInnen aber auch Themenstellungen haben dich dabei besonders unterstützt, bereichert und dich vielleicht auch an der ein oder anderen Stelle ermutigt?

 

Ina Schoof:
Vor meiner Zeit am Lette-Verein hatte ich mir auch die Hochschule in Bielefeld angesehen und ein Gespräch mit Professor Martin Holzhäuser zu meiner Mappe geführt.
Das war sehr hart, aber auch sehr erhellend. In meiner Zusammenarbeit mit Ana war Professorin Suse Wiegand sehr prägend.
Sie hat uns in unserer Arbeit auf ihre ganz eigene Weise unterstützt und auf gedankliche Pfade geschickt, die wir ohne sie vielleicht nicht beschritten hätten.
Dabei ging ihr unser doppeltes Lottchen-Gehabe mitunter gegen den Strich. Sie hat uns immer wieder auch auf Unterschiede hingewiesen, was uns langfristig über die Begegnung mit ihr hinaus geholfen hat. Und ich werde nie ihren Einwand gegen ein Bild in unserer ersten Videoarbeit vergessen, das sie zum einen als Wiederholung und auch in seinem Inhalt und seiner Ästhetik zu dick aufgetragen empfand. Als Begründung meinte sie nur kurz: „Man sagt auch nicht zweimal `ich liebe dich`.“
Neben diesem Austausch und dem mit einigen anderen Studenten, wie Peter Udo Brückner und Barbara Proschak, haben Ana und ich uns auch gegenseitig geprägt und beeinflusst.


Frage:
Der Schwerpunkt deiner werblichen Arbeit liegt in der People-Fotografie. Du inszenierst emotionale Momente, die du meist `on location` fotografierst. Die gesamte Realisierung des durch eine Werbeagentur vorgegebenen Konzepts obliegt bei dir. Mit deinem Team und verschiedenen Produktionsfirmen setzt du das Projekt dann schließlich um. Zu den Aufgaben zählen unter anderem die Durchführung des Castings, die Auswahl der Location, das Styling, die Lichtführung und natürlich das Fotografieren.
Du übernimmst viel Verantwortung und es bedarf einer sehr strukturierten Arbeitsweise, bei all den Anforderungen nicht den Überblick zu verlieren. Wie schaffst du das?


Ina Schoof:
Ich habe mich das auch gefragt und festgestellt, dass ich doch strukturierter bin, als ich vermutet habe.
Mittlerweile weiß ich, dass mir eine gewisse Grundordnung hilft, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Dadurch hat sich meine Wertschätzung zur Ordnung geändert.
Zusätzlich war das Erste, was mich als Assistent an der Werbung begeistert hat, im Team zu arbeiten. Heute ist das auch noch so, nur leite ich es. Das bedeutet vor allem, dass man mitunter Entscheidungen trifft, die nicht allen gefallen.
Ich arbeite oft lange mit Leuten zusammen, was eine familiäre und eingespielte Atmosphäre am Set schafft. So weiß ich ziemlich genau, was ich von wem erwarten kann, welche Bedingungen er braucht und schätzt und auch was ihm schwer fällt. Meist sind wir auch privat befreundet. Den-noch versuchen wir, beide Felder voneinander zu trennen.

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Frage:
Du hast drei Jahre als feste Assistentin für Piet Truhlar in Berlin gearbeitet, während du an der FH studiert gesammelt.   
Inwieweit hat dich diese Erfahrung beeinflusst und dich in deinem Schaffen und deiner ganz eigenen, oft filmisch-dynamischen und sehr ästhetischen Bildsprache beeinflusst?


Ina Schoof:
Ich denke, meine Zeit als Assistent bei Piet hat mir in erster Linie eine sehr professionelle, strukturierte und in der Werbung notwendige Arbeitsweise gezeigt. Es war natürlich toll, auch teilweise im Ausland zu arbeiten.
Jedes Land unterscheidet sich in seinen Schwerpunkten und in der Herangehensweise an Probleme. Dabei muß man seinen eigenen Weg zwischen Anpassung an die Gegebenheiten und Durchsetzungsvermögen finden.
Darüber hinaus hat Piet sicher auch mein ästhetisches Empfinden geprägt. Ich habe durch ihn mein Verständnis für das Fehlerhafte der Schönheit weiterentwickelt.

 

Frage:
2017 waren Ana und du Meisterschüler an der Hochschule für Künste Bremen (HFK) bei dem französischen Medienkünstler Prof. Jean-Francois Guiton im „Atelier für Zeitmedien“. Im selben Jahr ist dabei euer jüngstes Projekt „no identities“ entstanden, eine fast 22minütige Videoarbeit, die der aktuellen Frage nach Manifestation von Gemeinschaft und kultureller Identität in Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche nachgeht. Es werden Themen wie Nation, Tradition und Heimat angesprochen. Zum ersten Mal lenkt ihr hierbei den Blick nach Deutschland.  
Wie kam es zu dieser Arbeit? Und existiert so etwas wie eine kulturelle Identität überhaupt?


Ina Schoof:
Es kam zu dieser Arbeit, weil Ana den Blick nach Deutschland lenken wollte. Ich hatte dazu eigent-lich keinen Antrieb. Rückblickend bin ich froh, dass sie sich durchgesetzt hat und wir unsere Perspektive verändert haben. Wir beschlossen, anknüpfend an unsere anderen Arbeiten, uns auch hier mit dem Fremden auseinanderzusetzen.
Deshalb haben wir Zeit mit rechten Gruppierungen wie der AFD und den Identitären verbracht, die ja eine große Sehnsucht nach einer nationalen Identität verspüren. Wir haben bei diesen Begegnungen immer wieder nach den Bestandteilen dieser Identität gefragt.
Eine plausible Antwort ist man uns schuldig geblieben. Ich für meinen Teil denke, dass eine kulturelle Identität existiert. Allerdings ist diese stets im Wandel und in unserer heutigen Zeit gewiss nicht national abgrenzbar. Die Unterschiede zu den anderen kapitalistisch geprägten Ländern verschwimmen in Zeiten der Globalisierung immer mehr -
und das nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Der Wunsch, alles wieder einfacher, überschaubarer und abgegrenzter zu betrachten, ist auch in einem Gefühl der Überforderung begründet und dennoch keine Antwort auf die Probleme unserer Zeit.

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Frage:
Was kannst du angehenden Fotografen und Fotografinnen sowie angehenden Filmschaffenden mit auf den Weg geben? Welche Erfahrungen und Lehren ziehst du aus deinen bisherigen Arbeiten, aus deinen freien und werblichen Projekten und aus Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Menschen und Kulturen?

 

Ina Schoof:
John Baldessari hat einmal in einem Interview jungen Künstlern Folgendes geraten:

1.    Talent is cheap.
2.    You have to be possessed which you can’t will.
3.    Being at the right place at the right time.

Dass Talent nur eine Voraussetzung, aber keine Eintrittskarte ist, ist hilfreich früh zu begreifen. Sich an Dingen abzuarbeiten, die nicht einfach zu beschreiben sind, bietet Raum dafür, sich weiter zu entwickeln, selbst zu überraschen und eine persönliche Spannungskurve aufrecht zu erhalten. Der dritte Ratschlag ist wohl auch wahr, aber schwer planbar. Ich würde noch um eines ergänzen: Seinen persönlichen Neigungen zu folgen. Unabhängig davon, ob es um Form oder Inhalt geht. Letztlich ist Kunst wie angewandtes Design - subjektiv. Man kommt weiter und verliert nicht so viel Energie, wenn man seinen eigenen Weg einschlägt.

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Über Ina Schoof
Ina Schoof, geboren 1982, lebt und arbeitet seit 2003 in Berlin. Sie ist erfolgreiche Werbefotografin und entdeckte schon als Kind ihre Leidenschaft für Bilder. Früh begeisterte sie sich für Malerei, Theater und Fotografie und machte ihre ersten Aufnahmen im Alter von 17 Jahren. Nach dem Abitur absolvierte sie eine dreijährige Ausbildung zur Fotodesignerin am Lette Verein in Berlin, wo sie die Technik der Fotografie erlernte.
Parallel zu ihrem Studium im Bereich Fotografie und Medien an der Fachhochschule Bielefeld
(2007-2012) assistierte sie zunächst bei dem renommierten Werbefotografen Piet Truhlar in Berlin und seit 2007 arbeitet sie international als selbstständige Werbefotografin. Ihr Schwerpunkt liegt in der People-Fotografie und zu ihre Kunden zählen Global Player wie Coca-Cola, Intercontinental Hotel Groups oder Peugeot. Seit 2013 wird sie von Bransch Europe und Bransch New York vertreten.
Während ihres Studiums an der FH Bielefeld begann die Arbeit an freien, konzeptionellen Videoprojekten in Zusammenarbeit mit ihrer Freundin und Kollegin Ana Baumgart, die die beiden auch während des Studiums an der Hochschule für Künste Bremen (HFK) fortführten. Hier erhielten sie 2016 ihr Diplom und 2017 studierten beide als Meisterschüler bei Prof. Jean-François Guiton im Bereich Video- und Medienkunst.
In ihren Arbeiten nähern sie sich fremden Kulturen und unbekannten Menschen mit einer zuvor definierten Intention und werden dabei selbst zum Gegenstand ihrer Arbeit. Die Arbeiten wurden bereits international in vielen Gruppenausstellungen gezeigt. Mit Ihrer ersten Einzelausstellung Anfang 2018 gaben sie sogar den Auftakt der Reihe „Meisterschüler“ im Kunstverein Cloppenburg, in der ihre jüngste Arbeit „no Identities“ gezeigt wurde.


Weitere Informationen unter:
www.ina-schoof.de
www.iguessyoudontknowme.de


Lena Gold ist Masterstudentin am Fachbereich Gestaltung. Sie führt leidenschaftlich Interviews, interessiert sich wie Ina für das Fremde und liebt plausible Antworten.