FH Bielefeld
University of
Applied Sciences
22.02.2019

„In der Forschung habe ich jetzt das Gefühl, mit meiner Arbeit einen Mehrwert zu erzeugen, sozial und ökologisch.“

Wir waren hier! (Teil 4): Julia Krayer ist Absolventin der Studienrichtung Mode am Fachbereich Gestaltung.
Seit dem Sommersemester 2018 hat sie einen Lehrauftrag im Bereich innovative und neue Technologien in der Mode. Hauptberuflich arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT in Oberhausen und gründete 2017 die Biodesignagentur GestaltWesen.

Julia Krayer, Mode- und Biodesignerin und Wissenschaftlerin

Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Erforschung von Biomaterialien für die Entwicklung zukunftsweisender Produkte. Ich habe nachgefragt, warum sie als Modedesignerin den Weg in die Forschung einschlug, an welchen Innovationen sie momentan arbeitet und was ihr Beitrag zu einer nachhaltigeren Zukunft ist.

von Lena Gold


Frage:
Liebe Julia, nach sieben Jahren bist du als Lehrbeauftragte zurück an unseren Fachbereich gekommen. Seit dem Sommersemester 2018 bietest du ein Seminar in den Bereichen Smart Textiles, 3D-Druck, Lasercutting und Biofabrication an - ein völlig neues Lehrgebiet am FB Gestaltung. Wie kam es dazu und was hat sich seit deinem Bachelorabschluss 2011 im Bezug auf neue und innovative Technologien getan?


Julia Krayer:
Tatsächlich bin ich schon 2011 in meinem Abschlusssemester an der FH Bielefeld auf das Thema Biofabrication gestoßen, damals durch die New Yorker Modedesignerin Suzanne Lee und ihr Kombuchaleder. Bis ich das Thema selbst angegangen bin, hat es aber noch zwei Jahre gedauert. Seitdem ist dieser Bereich jedoch sehr stark gewachsen und gerade in Bezug auf Textilien gibt es viele Forschungsprojekte, sowohl unter Designerinnen und Designern, als auch in den Ingenieurs- und Naturwissenschaften. Neben den biobasierten Materialien spielen natürlich auch neue High-Tech-Entwicklungen eine immer größere Rolle - 3D-Druck und Lasercutten sind dafür ein gutes Beispiel. In der Denimproduktion werden schon Lasercutter eingesetzt, um den gewünschten Used-Look zu erschaffen.
Daher ist es wichtig, dass bereits Studierende mit diesen neuen Technologien und Möglichkeiten in Kontakt kommen können. Dass ich als Lehrbeauftrage zurück zur FH Bielefeld kommen konnte ist dem Engagement einer Modedesignstudierenden zu verdanken. Nach einem Workshop im Fabrikationslabor (FabLab) „Dezentrale Dortmund“, in dem ich arbeite, kam Susanna Fafenrot, eine Modedesign-Absolventin des Fachbereichs für verschiedene Projekte mehrfach ins Fablab, um dort den Lasercutter zu nutzen. Sie ist am Fachbereich Gestaltung eine Vorreiterin für Smart Textiles und machte Willemina Hoenderken auf meine Arbeit und die Dezentrale aufmerksam. So führte eins zum anderen und ich darf jetzt noch viele weitere Studierende in ihrer Arbeit unterstützen.


Frage:
Seit deinem Masterabschluss an der Hochschule Pforzheim 2013 mit dem Titel Haut 2.0 befasst du dich mit dem Thema BioDesign. Im Graduiertenprogramm Heterotopia für transdisziplinäre Gestaltung an der Folkwang Universität der Künste (FUdK) hast du im September 2018 den Folkwangbrief für Gestaltung erhalten. Dein Schwerpunkt liegt auf der Erforschung von Alternativen zu tierischem Leder und der Materialgestaltung mit Pilzen und Bakterien. Das klingt sehr innovativ. Welche Erfolge kannst du bislang  verzeichnen?


Julia Krayer:
Durch die Arbeit meiner Mutter - sie ist Kürschnermeisterin - wuchs ich von Kindheit an mit Leder auf und schätze das Material sehr. Als ich dann auf die Möglichkeiten aufmerksam wurde, lederartige Werkstoffe mit Mikroorganismen zu züchten, war ich sofort begeistert. Bisher entstanden daraus sehr viele unterschiedliche Experimente mit vielseitigen Materialeigenschaften. Ein Flächenmaterial, das für den Einsatz im Textilbereich nutzbar wäre, habe ich dabei noch nicht gefunden. Im Laufe der Zeit hat sich allerdings mein Schwerpunkt auch etwas verschoben. So experimentiere ich in den letzten eineinhalb Jahren weniger, sondern konzentriere mich mehr darauf, wie die Idee und Bewegung des Biodesigns gefördert werden kann und was mein Beitrag daran ist (zum Beispiel ein Lehrauftrag). Mit der Gründung der Biodesignagentur wird der Bereich der Experimente in nächster Zeit natürlich wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen.


Frage:
Du hast kein naturwissenschaftliches Studium absolviert und dennoch befasst sich ein großer Teil deiner Arbeit mit den Naturwissenschaften. Wie ist es dir gelungen, zunächst die Grundlagen und dann fundiertes  Fachwissen anzueignen?


Julia Krayer:
Die Begeisterung für biologische Prozesse war bei mir schon immer da. Biologie war auch einer meiner Leistungskurse im Abitur. Ansonsten habe ich viel recherchiert und mich in die Themen eingelesen. Die beste Methode ist aber das Experimentieren. So lerne ich das Meiste über die Organismen und ihre Ansprüche an ihre Umgebung. Nicht zu unterschätzen ist aber die Zusammenarbeit mit Biologinnen und Biologen. Sie haben natürlich einfach mehr Wissen über die Prozesse, die während der Materialzucht ablaufen.


Frage:
Als studierte Modedesignerin hast du einen sehr ungewöhnlichen Weg eingeschlagen. Nach deinem Masterabschluss hast du begonnen, als wissenschaftliche Hilfskraft am Fraunhofer-Institut UMSICHT zu arbeiten und seit 2017 bist du dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin angestellt. Was reizt dich an der Forschung und welchen Beitrag kannst und möchtest du sowohl für die Modeindustrie als auch für Konsumentinnen und Konsumenten damit leisten?


Julia Krayer:
Ich habe schon immer gerne und viele Fragen gestellt und wollte den Dingen auf den Grund gehen. Diese Neugier lässt sich in der Forschung natürlich wunderbar ausleben. Zusätzlich arbeite ich gerne mit Menschen unterschiedlichster Denkweisen zusammen. Das kann zeitweise eine große Herausforderung sein, hilft mir selbst aber auch, meine eigenen Denkmuster zu hinterfragen. Bevor ich beim Fraunhofer-Institut anfing habe ich auch ein Jahr ganz klassisch im Modedesign gearbeitet. Dort ging es viel zu oft nur um Verkaufszahlen. Es war weder kreativ noch produzierten wir irgendeinen Mehrwert, sondern nur möglichst billige und gut verkäufliche Kleidung. Damit konnte und wollte ich mich nicht identifizieren. In der Forschung habe ich jetzt das Gefühl, mit meiner Arbeit einen Mehrwert zu erzeugen, sozial und ökologisch.


Frage:
Du arbeitest seit fast fünf Jahren im Fabrikationslabor (FabLab) „Dezentrale Dortmund“, ein Projekt des Fraunhofer-Instituts UMSICHT, welches sich als Gemeinschaftslabor für Zukunftsfragen versteht. Der „MakerSpace“ in Dortmund gliedert sich in die drei Bereiche FabLab, BioLab und e:Lab und ist eine offene Werkstatt für Leute, die Ideen haben und Unterstützung in der Umsetzung benötigen. Was macht die drei Bereiche aus und was ist deine Aufgabe?


Julia Krayer:
Die Dezentrale Dortmund ist, wie du schon gesagt hast, ein offener Ort für alle interessierten Menschen, vom Laien bis zum Profi. Dabei geht es uns darum, Menschen in ihren Projekten zu unterstützen und Wissen zu vermitteln. Die drei Bereiche FabLab, BioLab und e:Lab haben sich mit der Zeit entwickelt. Angefangen haben wir als „klassisches“ Fablab. Das heißt, wir haben verschiedene Geräte, um digital Fertigen zu können. Typisch für Fablabs sind 3D-Drucker, Lasercutter oder auch Fräsen. Die Dateien werden dabei am Rechner erstellt und die Produkte dann mit Hilfe der Geräte produziert. Was dabei entsteht ist sehr von den Anwenderinnen und Anwendern und ihren Zielen abhängig. Vom personalisierten Schneidebrett bis zum Oldtimer-Ersatzteil kann es alles sein, natürlich auch Accessoires oder Stoffmuster.
Als ich zur Dezentrale dazu gestoßen bin, habe ich schon mit Biomaterialien gearbeitet. Ich begann, ein sehr einfaches Labor mit den nötigsten Geräten und Werkzeugen aufzubauen. Mittlerweile professionalisieren wir es immer weiter. Typisch für die Arbeit in unserem Biolab sind Pilzzucht, Experimente mit Biomaterialien und künstlerische Experimente mit Mikroorganismen. Das klingt vielleicht erstmal gruselig, ist aber harmlos. Wir arbeiten nur mit ungiftigen und nicht pathogenen Organismen, wie Speisepilze oder Bakterienkulturen aus der  Lebensmittelherstellung, zum Beispiel Hefen.
Das e:lab entstand durch ein Bürgerforschungsprojekt am Fraunhofer-Institut UMSICHT. Dabei ist das zentrale Thema die Energiewende unter Einbindung und Mitsprache der Bürger. In der Dezentrale erweitern wir dieses Thema um Elektrik und Elektronik. Ein Themenschwerpunkt liegt hier auf Smart Home, also der Möglichkeit, das eigene Zuhause intelligent zu vernetzen. Dabei ist das Ziel dese:lab, dass die Teile dafür selbst gebaut und programmiert werden.


Frage:
Aktuell baust du zusammen mit deiner Kollegin Helena Rempel eine Biodesignagentur mit dem Namen GestaltWesen auf. Im Rahmen der Agentur forscht ihr an Materialien um daraus Produkte zu entwickeln. Dabei bewegt ihr euch zwischen Kunst, Design, Architektur und Naturwissenschaft. Euer Portfolio reicht von Vorträgen über neuen Wege im Design sowie Ausstellungen zu biobasierten Materialien bis hin zu Workshops. Was ist dir an deiner Arbeit besonders wichtig?


Julia Krayer:
In der Agentur ist mir die persönliche Freiheit sehr wichtig. Neben der Arbeit nach Auftrag machen wir auch sehr freie, künstlerische Experimente. Da überwiegt dann zumindest anfangs der gestalterische Anspruch oder auch einfach die pure Neugier. Entstehen dabei interessante Ergebnisse, werden sie natürlich wissenschaftlich untersucht und aufgearbeitet.
Grundsätzlich ist mir an meiner Arbeit wichtig, dass sie nicht langweilig wird. Ich bin zu neugierig, um lange das Gleiche zu tun. Deshalb führte mein Weg mich auch nur kurz ins klassische Modedesign eines konventionellen Unternehmens. Ich entdecke gern Neues. Das kann ich zum Glück bei all meinen Jobs machen.


Frage:
Welchen Rat kannst du Studierenden des Fachbereichs Gestaltung mit auf den Weg geben, die wie du den Weg in die Forschung einschlagen möchten? Welche Chancen bietet die Wissenschaft und welche Hürden bestehen eventuell?


Julia Krayer:
Erstmal möchte ich allen eine grundlegende Angst nehmen! Wichtig für die Wissenschaft ist nicht, dass man einen Background in den typischen Wissenschaftssparten wie Naturwissenschaft, Psychologie, Philosophie oder  Ähnlichem hat. Ausschlaggebend ist dabei vielmehr, dass man wissenschaftlich arbeiten kann.

  • Eine gute Recherche hilft herauszufinden, ob schon jemand etwas Ähnliches versucht hat und man auf diesen Arbeiten aufbauen könnte.
  • Eine lückenlose Dokumentation ist ebenfalls überaus wichtig, damit die Ergebnisse auch reproduziert und nachvollzogen werden können. Das kann schriftlich sein, mit Fotos, Zeichnungen, Filmaufnahmen oder auch Kombinationen aus verschiedenen Medien. Zusätzlich hilft es, den eigenen Prozess nachzuvollziehen und bietet die Möglichkeit, gutes Material für Bücher/Websites/Präsentationen usw. zu sammeln.
  • Zu guter Letzt sollte man mit Expertinnen und Experten zusammenarbeiten oder sich austauschen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ganz normale Praxis.

Der große Vorteil von Designerinnen und Designern ist, dass sie bereits viel Fähigkeiten mitbringen, um im wissenschaftlichen Rahmen arbeiten zu können. Sie sind in der Lage, neue Themen schnell zu verstehen. Das können wir, weil wir keine Angst vor dem Neuen haben. Es ist eher Gewohnheit, da sich viele von uns jedes Semester mit oft völlig neuen Themen auseinandersetzen müssen oder mussten. Dabei benötigen wir oft Hilfe, um schnell zu verstehen, worum es geht. Dem angstfrei zu begegnen gibt uns die Möglichkeit, offen mit anderen Disziplinen zusammenzuarbeiten. Nur so können wir voneinander lernen. Zusätzlich dazu können wir unsere Gedanken und Ergebnisse schnell visualisieren und so zugänglich und verständlich machen.
Hürden können sein, dass man uns als Designerinnen und Designer nicht als richtige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wahrnimmt. Dem kann man aber ganz leicht entgegentreten, wenn man seine Arbeit sorgfältig durchführt und offen mit Unklarheiten umgeht, bzw. sich für diese Fälle Unterstützung holt. Allerdings gibt es jedoch seit einigen Jahren eine Entwicklung, Designerinnen und Designer als Wissenschaftler ernst zunehmen und zu fördern. Das Thema Promotion im Design wird aktuell stark diskutiert und immer mehr von uns tragen neben ihrem Dipl. oder MA.-Titel auch einen Doktortitel.


Über Julia Krayer
Julia Krayer, geboren 1983 in Mainz am Rhein, lebt und arbeitet im Ruhrgebiet. Während ihres Bachelorabschlusses am Fachbereich Gestaltung in der Studienrichtung Mode gründete sie 2011 das alternative Fashionlabel KrankHaft, welches sie bis 2016 fortführte. Nach dem Masterabschluss in Creative Direction an der Hochschule Pforzheim nahm sie am Graduiertenprogramm Heterotopia für transdisziplinäre Gestaltung der Folkwang UdK teil. Bereits im Masterstudium befasste sie sich mit Biomaterialien. Sie untersuchte Bakteriencellulose als potenzielle Alternative zu tierischem Leder. 2014 begann ihre Arbeit am Fraunhofer-Institut UMSICHT, welches sich die Erforschung und Entwicklung umweltschonender Technologien und nachhaltiger Produkte zum Ziel macht. Als Vorortleitung des FabLabs „Dezentrale Dortmund“ organisiert sie unter anderem jährlich das Innovative Citizen Festival. Seit 2017 ist sie wissenschaftlich Mitarbeiterin am Fraunhofer-Institut UMSICHT und Gründerin der Biodesignagentur GestaltWesen. Mit ihrer Kollegin Helena Rempel hält sie Vorträge über neue Wege im Design und organisiert Workshops und Ausstellungen zu biobasierten Materialien. Die beiden bewegen sich dabei zwischen Kunst, Design, Architektur und Naturwissenschaft. Im Wintersemester 2018/19 hatte sie erneut einen Lehrauftrag am FB Gestaltung.


Weitere Informationen unter:
https://www.umsicht.fraunhofer.de
https://dezentrale-dortmund.de
https://www.elab-buergerlabor.de/
https://innovative-citizen.de/
https://www.youtube.com/watch?v=H5-AmAJAhFc