FH Bielefeld
University of
Applied Sciences
25.09.2018

»Ich möchte Dinge sichtbar machen. Machmal über den Umweg der Fiktion.«

Wir waren hier! (Teil 2): Sara-Lena Maierhofer ist Absolventin unseres Fachbereichs. 2011 gewann die Fotokünstlerin mit ihrer Abschlussarbeit Dear Clark, den Wettbewerb »gute aussichten − junge deutsche  fotografie«, Deutschlands wichtigste Auszeichnung für Fotografieabsolventen und Absolventinnen.

Sara-Lena Maierhofer, Diplom-Designerin

Ihr darauffolgendes Projekt The Great konnte sie aufgrund des »Wüstenrot Dokumentarfotografie Förderpreis« verwirklichen. Was macht ihre Arbeiten so außergewöhnlich und interessant? Ich habe nachgefragt, was Hochstapler, Politik und Wissenschaft mit Fotografie zu tun haben.

Von Lena Gold

 

 


Frage:
2011 hast du am Fachbereich Gestaltung dein Diplom im Bereich Fotografie und Medien erhalten. Deine Abschlussarbeit Dear Clark, behandelt den deutschen Hochstapler Christian Karl Gerhartsreiter, alias Clark Rockefeller (u.a.), der in den USA 30 Jahre lang unter diversen Identitäten gelebt hat. Was macht für dich  den Reiz an dieser Person aus?

Sara-Lena Maierhofer:
Mich fasziniert seine Geschichte: Dieser Mann aus Deutschland, der seine eigene Version des American Dream in die Tat umsetzte: „You can be anything you want to be“. Von Bayern nach Hollywood, vom Tellerwäscher zum Millionär.
Wir sind alle umgeben von diesen Phantasien aus Film und Werbung, Bildern des perfekten Lebens. Aber die Kluft zwischen diesem Ideal und unserer eigenen Realität ist fast unerreichbar und der oben erwähnte Satz für die meisten eine Lüge. Überall gibt es unsichtbare Grenzen und „glass ceilings“. Aber Clark ignorierte diese einfach und erfand sich neu. Im Vorwort des Buches Dear Clark, schreibe ich: „Christian Karl, etwas gewöhnlich und wenig eindrucksvoll. Er entwarf schönere und klingendere Namen: Christopher Crowe, Clark Rockefeller. Er erschuf seine eigene Wirklichkeit und man glaubte ihm. Mit jedem neuen Namen ließ er sein altes Leben hinter sich als hätte es das nie gegeben. Beinahe spurlos.“
Dazu kommt die Nähe der Figur des Hochstaplers zum Medium Fotografie: Beide spielen mit Oberflächen, dem Versprechen nach Wahrheit und der Erfüllung unserer Sehnsüchte. Beide befinden sich in einem dauernden Prozess der Veränderung.

Frage:
Sowohl in Dear Clark, (2011) als auch in The Great (2015) geht es um zwei Persönlichkeiten,
die gezielt Scheinwelten um ihre Person kreieren. Was haben der deutsche Hochstapler
Christian Gebhartsreiter, alias Clark Rockefeller und der einflussreiche Unternehmer und
ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi gemeinsam, um den es in The
Great geht?

Sara-Lena Maierhofer:
Beide benutzen die Wahrheit und formen sie nach ihrer Vorstellung. Silvio Berlusconi manipuliert
Menschen, Bilder und Gesetze. Clark tut es ihm gleich, wenn auch auf anderer Ebene. In beiden
Arbeiten versuche ich, die Personen auch in der Art und Weise, wie ich Fotografie benutze, zu
porträtieren. The Great beispielsweise ist eine Inszenierung des Dokumentarischen, deren Ziel
nicht die reine Verdopplung des Motivs ist. Die Arbeit hat ein ebenso widersprüchliches Verhältnis
zur Wirklichkeit wie der porträtierte Politiker selbst.

Frage:
Du porträtierst, du dokumentierst, du erzählst. Fakten und Fiktionen reihen sich in deinen
Arbeiten gleichberechtigt nebeneinander und beleuchten ein Thema aus unterschiedlichen
Perspektiven. Wo verortest du sie im aktuellen Kontext der Dokumentar- und auch der Porträtfotografie?


Sara-Lena Maierhofer:
Dokumentarische Fotografie setzt sich für mich aus der Art des Vorgehens und einer bestimmten
Haltung zusammen. Ein gerichteter Blick auf das Jetzt und die Vergangenheit, mit dem Wunsch zu
verstehen, und weniger als eine objektive Abbildung der Wirklichkeit. Der französischen Regisseur
Jean Eustache sagte: „Le faux ne s‘oppose pas au vrai, il permet de faire émerger les mécanismes
du discours.“ Übersetzt heißt das soviel wie: „Die Lüge ist nicht das Gegenteil der Wahrheit,
aber mit der Lüge kann man die Mechanismen des Diskurses (der Rede) sichtbar machen.“ Ich
möchte Dinge sichtbar machen. Machmal über den Umweg der Fiktion.

Frage:
Begreifst du die multiperspektivische Darstellung in deiner fotografische Arbeit und somit
die Möglichkeit einer möglichst objektiven Meinungsbildung als Optimum oder hast du die
Hoffnung, durch eben diese Darstellungsform einer universellen Wahrheit näher zu kommen?

Sara-Lena Maierhofer:
Universelle Wahrheit sind zwei Wörter, die alleine für sich stehend schon heikle Begriffe sind. Ich
versuche durch das Drehen und Wenden einer Sache, durch den Blick von möglichst vielen Seiten,
eine genaue Bestandsaufnahme zu machen. Dabei erzeuge ich aber meist nicht eine universelle
Wahrheit, sondern mehrere, gleichberechtigte Wahrheiten. Auch mit der Arbeit Dear Clark,
erzeuge ich kein festes Bild der Person Clark Rockefellers. Es bleibt ein Flimmern, eine Zusammensetzung aus Splittern und Flüchtigem.

Frage:
Deine Abschlussarbeit ist eine umfangreiche Zusammenstellung aus circa 70 Farb- und
Schwarzweiss Fotografien, Collagen, Fotokopien und Videos. Hinzu kommt das Buch Dear
Clark, mit Abbildungen, Texten und Kurzgeschichten. Es entsteht der Eindruck akribischen
Sammelns und Erforschens.
Was kennzeichnet deine Arbeitsweise und wie gehst du in deinen Projekten vor?

Sara-Lena Maierhofer:
Als Künstler oder Künstlerin ist man oft mit gefährlichem Halbwissen beladen, ein Amateur, eine
Amateurin in einem fremden Fachgebiet. In Bezug auf Clark Rockefeller habe ich viel gelesen,
von psychologischer Fachliteratur über Zwillinge und Doppelgänger bis zu Autobiografien von
Hochstaplern. Ich versuche ein möglichst guter Amateur zu sein. Der Anteil der Recherche, sprich
der Einarbeitung in das Thema mithilfe von Texten, Reisen und Interviews nimmt einen großen
Teil der Arbeit ein. Gleichzeitig ist eine Mischung aus „respect und disrespect“ notwenig, um etwas Neues entstehen zu lassen. Ein manchmal stümperhafter Umgang mit Materialien oder ein Hinwegsetzten über zuvor abgesteckte Grenzen innerhalb des gewählten Themas oder Mediums sind die Folge.

Frage:
Deine Arbeiten beschäftigen sich mit außergewöhnliche Biografien im Bezug auf soziale
Phänomene und Politik. Vor deinem Studium der Fotografie und Medien an der FH Bielefeld
hast du Politikwissenschaften studiert.
Beides, sowohl die Fotografie als auch die Politik, können als komplexe Bereiche verstanden
werden, die das Potential zur Störung und Modifikation haben. Im Negativszenario
könnte dies das Ausnutzen von Macht bedeuten. Auch aktuell gibt es Diskussionen um
alternative Fakten und Fake News.
Wie stehst du dazu?


Sara-Lena Maierhofer:
Ich empfinde die gegenwärtigen populistischen Tendenzen in der Politik als reale Bedrohung.
Donald Trump, Silvio Berlusconi etc. sind Teil einer neuen Form von Machtelite, die eine Art negative Freiheit propagiert, eine Freiheit von Regeln und Bestimmungen. Eine Ideologie, die auf
maximalen Einfluss bei minimaler sozialer Verantwortung zielt und eine schleichende Aushöhlung
der Demokratie von innen bewirkt. Dabei bedienen sie sich diffusen Ängsten und Feindbildern, mit
gleichzeitigen Versprechen der einen Wahrheit.
maierhofer_costumepartyZebrapferd

Frage:

Welche Kriterien haben dich dazu bewogen, in Bielefeld am Fachbereich Gestaltung der FH
Bielefeld Fotografie und Medien zu studieren?

Sara-Lena Maierhofer:
Ich hatte Bilder von Absolventen in einem Magazin gesehen und mich daraufhin in Bielefeld beworben. Während der Aufnahmeprüfung, bei der wir mit einer Polaroidkamera durch die Stadt zogen, mochte ich die Stadt und die Fachhochschule. Ich machte Fotos von den Enten im Oetkerpark, dem Sexkino am Bahnhof und den Menschen am Jahnplatz.

Frage:
Geboren und aufgewachsen bist du in einer kleinen Stadt in Süddeutschland, heute wohnst
du in Berlin. Gibt es etwas außerhalb unseres Fachbereichs, das dich mit Bielefeld verbindet?
Was nimmst du an Erfahrungen und Erinnerungen mit?

Sara-Lena Maierhofer:
Ich saß oft in Vorlesungen der Universität. Nicht unbedingt als aktive Zuhörerin, eher mit abwesendem Blick in der letzten Reihe. Dieser Zustand, zwischen Zuhören und Abschweifen, zwischen Konzentration und Langeweile, wenn die Gedanken die Möglichkeit haben umherzuwandern, war perfekt, um auf neue Ideen zu kommen.

Frage:
Deine Arbeiten Dear Clark, und The Great wurden mehrfach mit Preisen und Stipendien
ausgezeichnet und du bist international bei Vorträgen und Talks vertreten. Was ist dein
nächstes Projekt, woran arbeitest du momentan?

Sara-Lena Maierhofer:
Im vorletzten Jahr reiste ich für einen Rechercheaufenthalt für zwei Monate nach Papua-Neuguinea. Im Zuge dieses Projektes habe ich mich mit der Geschichte des deutschen Kolonialismus beschäftigt. Von 1885 bis 1914 war ein Teil Neuguineas deutsche Kolonie, Namen wie Bismarcksea und Mount Wilhelm zeugen noch davon.
In den letzten Jahren hat sich die öffentliche Diskussion um das Erbe des Kolonialismus und den damit verbundenen Repräsentationen in Museen verschärft. In Berlin erfährt diese Diskussion vor dem Hintergrund des Humboldtforums besondere Aufmerksamkeit. Wie kann Fotografie diesen Diskurs sichtbar machen?
Ausgehend von dieser Fragestellung habe ich begonnen, in der Dunkelkammer mit dreidimensionalen Objekten zu arbeiten, die mit flüssiger Fotoemulsion beschichtet werden. Die Objekte sind verkleinerte Ausstellungsmodelle ethnographischer Museen in Europa. Die beschichteten Modelle werden nach der Trocknung im Labor belichtet. Die verwendeten Negative zeigen Objekte aus den jeweiligen Sammlungen der Museen, wie beispielsweise eine Maske aus Benin oder eine Figurengruppe aus Kamerun. Es entstehen fotografische Objekte, die sich zusammensetzen aus einer Ortsbeschreibung, der Fotografie eines Objektes und dessen bruchstückhafter Einschreibung auf der Oberfläche, welche die Komplexität seiner Herkunft reflektiert. Diese Arbeiten entstehen im Rahmen des Projektstipendiums für künstlerische Fotografie der DZ Bank. Im November eröffnet die Ausstellung der Stipendiaten in Frankfurt, bis dahin müssen alle Modelle fertiggestellt sein. Das bedeutet Sommer im Labor statt Sommer am See :-)
_____
Über Sara-Lena Maierhofer
Sara-Lena Maierhofer, geboren 1982 in Freudenstadt/Schwarzwald, ist ausgebildete Fotografin und hat vor ihrem Studium für Fotografie und Medien an der Fachhochschule Bielefeld Politikwissenschaften in Mainz studiert. Seit 2011 lebt und arbeitet sie in Berlin. In ihren Arbeiten beleuchtet sie außergewöhnliche Biografien im Bezug auf soziale Phänomene aus unterschiedlichen Perspektiven. Hierbei ist die Verbindung von Fakten und Fiktionen bezeichnend, mit denen sie ein eigenes Szenario kreiert. Ihre Abschlussarbeit Dear Clark, (2011) und ihre Arbeit The Great (2015) sind mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden. Sie wird international zu Talks und Vorträgen eingeladen und war zuletzt Gasthörerin am Graduiertenkolleg der  Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK).

Weitere Informationen unter:
www.saralena.com


Lena Gold ist Masterstudentin (Modedesign) am Fachbereich Gestaltung. Für ihren Bachelorabschluss fotografierte Sara-Lena Maierhofer die Kollektion „serie no. 5“ (2013). Als Location wählte sie das Alte Funkhaus Berlin. Berlin. Ein fiktiver Ort - ideal für Hochstapler.