FH Bielefeld
University of
Applied Sciences

27.03.2010 00:00

 

Bericht aus der Boom City am Bosporus - ERASMUS IP STREETiSTANBUL 2010

10 Mindener Architekturstudenten nehmen in den beiden ersten Märzwochen an internationalem Workshop teil

Eingang_mimar_sinan_uniMit einem stattlichen Gesamtbudget von 7 Mrd. EUR ist seit dem Jahr 2007 die dritte Generation der EU-Bildungsinitiative installiert. Unter dem Bildungsdachprogramm "Lebenslanges Lernen (LLP)" finden sich die Bereiche COMENIUS (Schulbildung), LEONARDO (Berufsbildung), GRUNDTVIG (Erwachsenenbildung) und ERASMUS (Hochschulbildung).

Neben der Unterstützung studentischer Individualmobilität offeriert ERASMUS mit sogenannten Intensivprogrammen (IP) die Förderung gemeinschaftlicher Kurzzeitmaßnahmen. Als innovative Experimentierfelder für europäische Partnerhochschulen können IPs in Form kompakter Studienprogramme zwischen zwei und sechs Wochen Dauer durchgeführt werden. Dabei plant eine Hochschule - als Projektkoordinator federführend - das Programm zusammen mit mindestens zwei Partnerhochschulen aus unterschiedlichen Ländern der EU bzw. aus Island, Liechtenstein, Norwegen oder der Türkei. Beantragt wird eine Projektlaufzeit von einem Jahr, deren Verlängerung auf maximal drei Jahre möglich ist. Zielsetzung: neben der fachlichen und interkulturellen Kompetenzerweiterung von Studierenden und Dozenten soll das Interesse für einen längeren Auslandsaufenthalt an einer der beteiligten Partnerhochschulen geweckt werden.


Dass Dozenten und Studenten des Mindener Fachbereichs der FH Bielefeld als ERASMUS IP-Partner jüngst einer Einladung der ehrwürdigen Mimar Sinan Fine Arts University in die diesjährig europäische Kulturhauptstadt Istanbul folgen durften, ist ein weiterer Erfolg sich verstetigender internationaler Hochschulkooperationen unter ostwestfälischer Beteiligung. Grundlage lieferte eine entsprechende Kooperationsvereinbarung (Bilateral Agreement, Higher Education) aus dem Jahre 2007/08, das zum IP-Starttermin 2009/10 seitens des Projekt-Initiators aus Istanbul um die Hogeschool van Amsterdam als weitere mitwirkende Institution ausgeweitet wurde.

Der Titel des Projekts, A Comperative Study of Traditional and Modernist Approaches to the Concept of the Street as the Characteristic of Urban Life" konkretisierte sich anhand des zweiwöchigen Arbeitsprogramms aus Workshop, begleitenden Vorlesungen und Stadtteilexkursionen, das für die insgesamt 40 teilnehmenden Architekturstudenten seitens Organisatorin Prof. Dr. Guzin Konuk und ihres Teams entwickelt wurde: nicht weit vom Unterbringungsort der Gaststudenten, zwischen Taksim-bzw. Tünel-Platz und der einladenden Universität gelegen, waren drei Straßenzüge im "europäischen" Viertel Beyoğlu zu untersuchen. Dessen Bürgermeister Demircan ließ es sich nicht nehmen, die Workshop-Teilnehmer eigens mit einer kleinen Filmpräsentation seines Stadteils zu begrüßen. Nach einer Zwischenpräsentation mit Darstellung der Analyse-Ergebnisse war die zweite Woche den Planungsideen der sechs multinationalen Studententeams vorbehalten - streetistanbul, ganz im Wort-sinne also. Dass die Aufgabenstellung es gleichwohl in sich hatte, basiert auf mehreren Ursachen.

Da ist zunächst einmal der Ort selbst. Istanbul, Koordinaten 41° 1′ N, 28° 58′ O, Brücke zwischen Anatolien und Thrakien, Asien und Europa, Orient und Okzident, Islam und Christentum, Tradition und Moderne; einzige Stadt, die gleichzeitig auf zwei Kontinenten beheimatet ist. Hier zu planen, ist schon aufgrund der speziellen Verortung eine unvergleichliche Herausforderung. Hinzu kommt die bestehende Sprachbarriere zwischen den türkischen, holländischen und deutschen Studenten, die zwischen Diskurs und Disput aufgeworfene Fragestellungen, jenseits von Stift und Skizzenrolle, überwiegend fachenglisch zu kommunizieren hatten. Und der stramme Terminplan war deshalb eine besondere Herausforderung, da die Seminarhälfte der beteiligten Auslandsstudenten Ort und Umstände einer fortgesetzt eingehenden Erforschung unterzog (natürlich nicht allein workshop-relevant). Istanbul, so das baldige Fazit, pulsiert sieben Tage wöchentlich, und zwar rund um die Uhr.

StaßenszeneDie Erklärung hierfür ist einfach. Die dynamische Bosporus-Metropole verjüngt sich rapid. Bereits geschätzte 30% der Bevölkerung zählen maximal 20 Lebensjahre. Tendenz steigend, Auswirkungen - bisweilen unübersehbar. Die Jugend ist das Kapital der Stadt und sie fordert darin ihre Räume. Beidseits der zentralen Istiklal Caddesi etwa, jener zentralen Fußgängerzone zwischen Taksim und Tünel, Rückgrat der sich siebzig Meter aus dem Bosporus erhebenden Beyoğlu-Anhöhe, hier im Herzen der Stadt führen die ungezählten Querstraßen in Quartiere, die wie von den Heranwachsenden übernommen scheinen. Kultur- und Kneipenangebote soweit das Auge reicht, permanente Bewegung und Beschallung allerorten. Allein der ungewohnt hohe Anteil der Teens und Twens verrät, dass man sich nicht in einer Großstadt der EU befindet. Noch nicht.

Denn dass neben Island, Liechtenstein und Norwegen gerade die Türkei zur privilegierten Teilnahme am EU-Austauschprogramm ERASMUS berechtigt wurde, ist keineswegs ein Zufall, sondern ebenso politischer Richtungsentscheid wie die Ernennung Istanbuls zu einer der "europäischen" Kulturhauptstädte dieses Jahres 2010. Vor derlei Hintergrund haben Workshops wie streetistanbul weitergehende als die rein fachlichen Motive, 'Annäherung durch kulturelle Interaktion' könnte das Motto lauten. Die dokumentierten Arbeitsergebnisse zeigen, wie gut das funktionieren kann.
Entsprechend begeistert zeigte sich denn auch Dean Prof. Dr. Konuk bei der Abschlusspräsentation ob der Vielzahl der entwickelten Ideen, zu denen die begleitenden Vorträge und Werkberichte der heimischen wie mitgereisten Dozenten sicherlich wichtige Anregungen beisteuerten. Noch während des Aufenthalts wurde daher vereinbart, für die IP-Laufzeit eine Verlängerung zu beantragen, um im kommenden Jahr eine Fortsetzung à trois in Amsterdam zu realisieren. Im Falle des EU-Zuschlags käme der FH Bielefeld in 2012 die Gastgeberrolle zu, wofür sie zu anderem Anlass ihre Eignung längst nachwies. Tatsächlich sind regionale Identität und internationale Ausrichtung nämlich keineswegs ein Gegensatz.

Text: Elmar Kuhlmann

Bericht aus der Boom City am Bosporus
Fotolauf Istanbul
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