FH Bielefeld
University of
Applied Sciences
13.06.2013

„Deutschland braucht eine Kammer für Pflegeberufe“

Claudia Everling berichtet über die Professionalisierung der Gesundheitsberufe in Kanada.

Minden (fhb). Die Akademisierung der Gesundheitsberufe ist in Deutschland auf dem Weg. Ganz anders sieht das in Kanada aus: hier blickt man auf eine lange Tradition zurück. Seit 1923 wird an der amerikanischen Yale University ein Diplomstudiengang Pflege angeboten, für die Physiotherapie gibt es ein solches Studium in Ontario seit 1929. Mittlerweile sind beide Studiengänge auf Bachelor und Master umgestellt.
Wie die Pflege- und Therapie-Praxis in Kanada aussieht, haben am Dienstag rund 100 Studierende der Lehreinheit Pflege und Gesundheit auf dem Campus Minden aus erster Hand erfahren. Dr. Claudia Everling lebt und arbeitet als Physiotherapeutin am St. Jospeh's Health Care Parkwood Hospital in der kanadischen Provinz Ontario. In einem Gastvortrag stellte sie die Unterschiede in der Ausbildung, dem Studium und der Arbeitspraxis der Gesundheitsberufe dar, die in Kanada eine größere Wertschätzung erfahren würden. Sie appellierte an die Studierenden des dualen Bachelorstudiengangs "Gesundheit und Krankenpflege" und des Bachelorstudiengangs "Berufliche Bildung Therapie", für ihren Berufsstand einzutreten und diesen zu formen: "Was ihr in Deutschland braucht ist ein Kammer, die einheitliche Standards für den Berufsstand schafft."

Ein großer Unterschied zur Pflegeausbildung in Deutschland ist, dass es keine Splittung von Kinder-, Alten-, oder Krankenpflege, sondern eine generelle Grundausbildung mit anschließender Spezialisierung. Diesen "Health Professionals" kommen in Kanada auch mehr Kompetenzen in der Arbeit mit Patienten zu. Sie dürfen unter anderem die Krankengeschichte des Patienten aufnehmen oder eine Diagnose mitteilen und diese rechtfertigen sowie selbstständig gewisse Medikamente verabreichen und Therapieentscheidungen treffen. "Man übernimmt dafür die Verantwortung und muss Experte auf seinem Gebiet sein", erklärte Everling. Sie selber empfände diese Art zu arbeiten als angenehmer, weil sie  mit den Patienten mehr  interagieren könne.

Um die Qualität und Kompetenzen der Pflege- und Therapiekräfte zu halten, stellt ein Dachverband mit 21 Kammern die Ausbildungs- und Arbeitsstandards für die "Health Professionals" auf. Eine solche Kammer gibt es in Deutschland nicht. "Solange es keine Lobby und keine politische Ebene für die Pflege gibt, ist der Berufsstand nicht gesichert", sagte Everling. Weitere Unterschiede zur Ausbildung in Kanada sieht Everling darin, dass es in Deutschland keine einheitliche land- und schulübergreifende Eingangsprüfung gebe und somit Sache des jeweiligen Bundeslandes sei. Auch das Aufsplitten in private und staatliche Ausbildungsstätten sieht sie kritisch.

In einer Diskussionsrunde erkundigten sich die Studierenden, welche Chance sie hätten, mit einer deutschen akademischen Ausbildung in Kanada zu arbeiten. "Dafür muss man zuerst die Ausbildungsinhalte des Studiums nachweisen und eine Prüfung ablegen, die wirklich sehr schwer ist", verdeutlichte Everling. Wer in der Ausbildung nicht häufig genug praktisch gearbeitet habe, sei da schnell aufgeschmissen. Deshalb lobte sie das Skills Lab auf dem Campus Minden, das sie als besonders gut ausgestattet und beispielhaft bezeichnete. "Geht so oft ihr könnt ins Skills Lab. Alles was man da schon üben kann, ersetzt nicht die Praxiserfahrung, nimmt aber die Angst", appellierte sie an die Studierenden. Im Skills Lab, einem authentisch eingerichteten Krankenzimmer, können sie Standardsituation in der Pflege wie den Umgang mit Patienten oder der Erstversorgung an einer Simulationspuppe üben und sich mit ihren Dozenten und Kommilitonen austauschen.
"Ich empfehle euch allen, ins Ausland zu gehen und zu schauen, wie dort gearbeitet wird", beendete Claudia Everling ihren Gastvortrag.