FH Bielefeld
University of
Applied Sciences
09.05.2016

Produktpiraterie macht Unternehmen zu schaffen

Forschungsprojekt "Markenpiraterie im Kontext des Deutschen und Europäischen Markenrechts" mit Abschlussveranstaltung und Ausstellung.

Bielefeld (fhb). Das Phänomen ist bekannt, das ganze Unternehmen oder zumindest Produktsparten ruiniert: von der Markenpiraterie ist die Rede, der unerlaubten Übernahme oder Nachahmung einer fremden Marke. Vorzufinden in ganz unterschiedlichen Branchen: von der Textil- über die Tabakwarenindustrie hin zur Auto- und Pharmaindustrie. Wo das Logo von Lacoste zu sehen ist, muss noch lange kein Original-Krokodil vom französischen Ausrüster aufgebracht worden sein. Und wer sich mit einer hochwertigen Motorsäge Marke Stihl ausrüstet, sollte sich im Fachhandel vergewissern, ob er tatsächlich ein heimisches Qualitätsprodukt gekauft hat. Prof. Dr. jur. Brunhilde Steckler: „Unsere Unternehmensbefragungen offenbaren, dass rund 14 Prozent oft oder sehr oft von Markenverletzungen betroffen sind. Insgesamt geben knapp 65 Prozent an, zumindest schon einmal betroffen gewesen zu sein. Lediglich ein Drittel der Befragten hatte noch niemals mit dieser Problematik zu kämpfen.“

Professorin Steckler und ihr Forscher-Team vom Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit der Fachhochschule (FH) Bielefeld haben sich in den vergangenen dreieinhalb Jahren intensiv mit der Markenpiraterie im Rahmen eines vom Bundesforschungsministeriums geförderten Projekts auseinandergesetzt. Projektpartner waren unter anderen die Industrie- und Handelskammern mit Sitz in Bielefeld und Detmold. Steckler hielt jetzt bei der Abschlusspräsentation an der FH Bielefeld, zu der eine Reihe von Fachvorträgen und eine Ausstellung gehörten, fest: „Zwar existieren effektive rechtliche Handlungsmöglichkeiten, das Risiko einer Markenrechtsverletzung präventiv zu minimieren oder, sobald eine solche festgestellt wurde, repressiv dagegen vorzugehen. Tatsächlich mangelt es, gerade in kleineren Unternehmen, häufig an personellen und fachlichen Ressourcen, um dieser Bedrohung mit rechtlichen Instrumentarien zu begegnen.“

Deutlich werde in jüngster Vergangenheit, meint Steckler, dass jeder unternehmerische Erfolg, branchenunabhängig und marktübergreifend, die Gefahr eines Angriffs auf die Identität eines Unternehmens, namentlich seiner Marken- und Produktportfolio, erhöhe. Wenn diesen Gefahren nicht frühzeitig begegnet werde, „können sie sich zu materiellen und immateriellen Einbußen verdichten, um in letzter Konsequenz zur Verdrängung vom Markt und unternehmerischem Scheitern zu führen“.

Die Bedeutung des geistigen Eigentums „als Basis für die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit steigt im Vergleich zu den traditionellen Investitions- und Kapitalgütern, wie etwa Betriebsgrundstücke, Gebäude und Inventar“, haben die Forscher erkannt. Obwohl immaterielle Vermögenswerte nicht leicht zu beziffern seien, dokumentiere ein stetiger Anstieg von Markenanmeldungen einen Trend zur bewussten Schaffung nicht unmittelbar messbarer Güter. „Demgegenüber wachsen unternehmerische Ausgaben für Forschung und Entwicklung lediglich verhalten an“, heißt es in einem Positionspapier zur Veranstaltung.

Die Forschergruppe um Professorin Steckler hat Markenrechtsverletzungen umfangreich recherchiert, kategorisiert und wissenschaftlich aufgearbeitet. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse seien, so Steckler, Handlungsalternativen und Lösungsansätze für die Praxis erarbeitet und in einem Leitfaden zusammengestellt worden. Für die Lehre und Wissensvermittlung markenrechtlicher Inhalte sei ein interaktives Lernangebot in Form eines Web-based-Trainings entstanden. Ergänzt werde das Angebot durch die erste und kostenfreie App auf Hochschulniveau für alle Interessierten am Markenrecht.

Der Praxisbezug ist den Wissenschaftlern wichtig. Er sei insbesondere durch die Beteiligung von Kammern, Verbänden, Unternehmen und Anwaltskanzleien aus dem Bereich des gewerblichen Rechtsschutzes hergestellt worden, so Arthur Felk, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt. Dabei sollen markenrechtliche Verletzungstatbestände kategorisiert und Vorschläge für Strategien und Maßnahmen zur Vorbeugung und Bekämpfung rechtswidriger Handlungen entwickelt werden.

Aber auch dies haben die Forscher erfragt und aufgeschrieben: „Die Akzeptanz des Erwerbs von Piraterieprodukten ist unter den Verbrauchern sehr weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert. Auch hier gilt bei der Piraterieproduktpalette, dass gefälschte Kleidung, Accessoires und Sportartikel auch für die Menschen am interessantesten sind, die noch nie gefälschte Ware gekauft haben.“

Mehr über die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Markenpiraterie im Kontext des Deutschen und Europäischen Markenrechts“ unter www.markenpiraterie.fh-bielefeld.de