FH Bielefeld
University of
Applied Sciences
10.12.2021

Jobcenter und FH Bielefeld bieten innovative Unterstützung für Menschen mit Sucht- und psychischen Erkrankungen

Im Verbundprojekt „BEA“ von vier Jobcentern in OWL und der FH Bielefeld werden Menschen mit Sucht- und psychischen Erkrankungen von Peer-Begleitungen mit ähnlichen Erfahrungen unterstützt. So sollen die Teilnehmenden in ihrer jetzigen Lebenssituation gestärkt werden, um künftig wieder mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.

Bielefeld (fhb). Jobcenter und Arbeitsagenturen in Deutschland bieten zahlreiche Angebote, die Arbeitssuchenden den erneuten Berufseinstieg erleichtern: Von Weiterbildungen bis zu individuellen Beratungen ist das Spektrum weit. Obwohl das professionell aufgezogene Angebot mannigfaltig ist, geht es an den Bedürfnissen einer Gruppe oft vorbei: Arbeitssuchende und Hartz-IV-Empfängerinnen und Empfänger mit psychischen oder Suchterkrankungen fühlen sich von dem, was ihnen die Behördenprofis bieten können, in der Regel überfordert. Ein niedrigschwelliges und vor allem individuell auf ihre Lebenssituation zugeschnittenes Angebot fehlt.

Die Peers haben ihre Sucht- und psychischen Erkrankungen im Griff

Hier will das Projekt „BEA“ Abhilfe schaffen: Durch die Einbeziehung sogenannter Peer-Begleitungen werden Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Suchterkrankungen, die Hartz-IV über das Jobcenter beziehen, individuell beraten und unterstützt. Diese Peer-Begleiterinnen und Begleiter, im Projekt „BEA-Begleitungen“ genannt, haben selbst die Erfahrung einer psychischen Erkrankung oder Suchterkrankung gemacht und werden im Rahmen des Projektes dazu qualifiziert, die Teilnehmenden zu unterstützen.

Prozessmanagerin Heike Klösel sitzt in einem Sessel mit einem Notzheft in der Hand und schaut zu Klaus Schöne, der ihr gegenüber sitzt.

Durch eine genaue Evaluation des Projekts soll ein Konzept erarbeitet werden, das Jobcentern auch über das Projekt hinaus einen Zugang zu Menschen mit psychischen oder Suchterkrankungen finden lässt, um sie bei der Verfolgung der eigenen Lebensziele und beruflichen Perspektiven zu unterstützen. Die Projektidee wurde von den vier Jobcentern Bielefeld, Herford, Höxter und Minden-Lübbecke in Ostwestfalen-Lippe (OWL), der Fachhochschule (FH) Bielefeld und Betroffenenverbänden entwickelt. Projektträger ist das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) im Zuge der Förderlinie „rehapro – Innovative Wege zur Teilhabe am Arbeitsleben“. Das Projekt startete im Dezember 2019, läuft insgesamt fünf Jahre und verfügt über ein Fördervolumen von 11 Millionen Euro.

Peer-Ansatz im Kontext des Jobcenters ist eine Innovation

„Erst die Priorisierung der individuellen Bedürfnisse kann zu einer Verbesserung der jeweiligen Lebensumstände führen“, erläutert Prof. Dr. Gudrun Dobslaw vom Fachbereich Sozialwesen der FH Bielefeld die Notwendigkeit des Projekts. Sie ist Projektleiterin des vierköpfigen Teams, zu dem Prof. Dr. Michael Stricker, Johannes Wegner und Klara Lammers gehören. „Ziel des Projekts ist es daher, den Betroffenen vertrauensvolle Gesprächspartnerinnen und -partner zur Seite zu stellen und dadurch die individuellen Lebensumstände zu verbessern – denn erst dann sind weiterführende Maßnahmen Richtung Arbeitsvermittlung und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben überhaupt denkbar.“

Klara Lammers, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt, ergänzt: „Die Umsetzung eines Peer-Ansatzes stellt im Kontext des Jobcenters eine Innovation dar. In anderen Handlungsfeldern, zum Beispiel in psychiatrischen Kontexten, werden solche Ansätze schon seit längerem erfolgreich praktiziert. Zentrale Aspekte sind der Austausch auf ‚Augenhöhe‘, die Freiwilligkeit der Teilnahme, ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Peers und Teilnehmenden sowie eine Art Vorbildfunktion der Peers durch das Einbringen ihrer eigenen Lebensgeschichte, die sich zum Positiven entwickelt hat.“

Menschen durch eigene Erfahrungen Hoffnung geben

Porträtfoto von Katja Kluge

Eine der 50 derzeitigen BEA-Begleitungen ist Katja Kluge. Sie rutschte bereits als junge Erwachsene in die Alkoholabhängigkeit hinein, die sie jedoch erst rückblickend als solche einzuordnen wusste. 2001 wurde ihre Abhängigkeit durch einen Schicksalsschlag noch verstärkt. Nach über zehn Jahren schaffte sie es heraus aus der Abhängigkeit durch eine Entgiftung und einen anschließenden Reha-Aufenthalt. „Ich möchte Menschen durch meine eigenen Erfahrungen Ängste nehmen und Hoffnung geben“, erklärt sie ihre Motivation, beim BEA-Projekt mitzumachen. „Meine derzeitige Teilnehmerin und ich treffen uns häufig bei ihr Zuhause, um uns darüber zu unterhalten, wie es ihr geht und wie ihre letzten Tage verlaufen sind. Danach gehen wir gemeinsam Walken, weil es für sie wichtig ist, einmal die Woche rauszugehen und Bewegung zu bekommen. Dabei versuche ich, ihre Achtsamkeit auf das Schöne im Leben zu lenken. Das funktioniert ziemlich gut“, so die 49-jährige Ostwestfälin. „In diesem eher freundschaftlichen Kontext können wir dann auch darüber sprechen, was ihr früher Spaß gemacht hat, in welchen Aufgaben sie richtig aufgeht und was ihr Traumjob der Zukunft wäre.“

Die Selbsthilfegruppe als Rettungsanker

Porträtfoto von Klaus Schöne

Auch BEA-Begleitung Klaus Schöne hat Erfahrungen mit Suchterkrankungen gemacht. Er war über 30 Jahre lang alkohol-, drogen- und medikamentenabhängig. Sein Glück war es, eine geeignete Selbsthilfegruppe zu finden, in der er sich verstanden und geborgen fühlte. „Es war immer jemand da, wenn es mir schlechtging. Heute kann ich sagen: Diese Menschen haben mir das Leben gerettet“, so der 62-Jährige. Daher möchte er jetzt auch für andere da sein. Zurzeit betreut er vier Teilnehmende im Projekt – sein persönliches Maximum, um den Wünschen und Bedürfnissen der einzelnen Teilnehmenden gerecht werden zu können.

Die Herausforderung im Projekt: Vertrauen aufbauen

Während der Zeit seiner eigenen, akuten Suchterkrankung hätte sich Klaus Schöne eine Begleitung wie im BEA-Projekt gewünscht. Vor seiner Teilnahme am BEA-Projekt war er bereits in Selbsthilfegruppen als Berater tätig, empfindet die BEA-Begleitung aber als deutlich intensiver. Die Herausforderung, die er in der BEA-Betreuung sieht, ist der Aufbau des Vertrauens zwischen Teilnehmenden und BEA-Begleitungen. „Das braucht Zeit, aber es lohnt sich. Einen direkten, persönlichen Ansprechpartner auf Augenhöhe außerhalb von Behörden zu haben – das kann eine Vertrauensbasis schaffen, die viel bewirkt. Letztens war ich zum Beispiel mit einem Teilnehmer bei der Schuldner-Beratung – ein Termin, den er lange Zeit vor sich hergeschoben hat. Dass ich dabei war, hat ihm Sicherheit gegeben. Erst durch solche Schritte können die Betroffenen auf lange Sicht wieder richtig am gesellschaftlichen Leben teilhaben.“

Prozessmanagerinnen und -manager als Vermittler

Neben den BEA-Begleitungen und dem wissenschaftlichen Team der FH sind auch Mitarbeitende der Jobcenter in OWL zentrale Akteure im Projekt. Sie fungieren als sogenannte Prozessmanagerinnen und -manager. In dieser Funktion übernehmen sie sowohl die Akquise als auch die Vermittlung zwischen BEA-Begleitungen und Teilnehmenden. Außerdem sind sie Vertrauenspersonen für beide Seiten – gerade auch, wenn eine Zusammenarbeit vielleicht einmal nicht so gut funktioniert. Dafür treffen sie sich mit den Teilnehmenden nicht nur vor Ort im Jobcenter, sondern fahren auch zu Treffpunkten in deren Nähe. Dadurch bekommen die Prozessmanagerinnen und -manager einen authentischen Eindruck vom unmittelbaren Wohnumfeld der Teilnehmenden und ihrer aktuellen Lebenssituation.

Katja Kluge, Heike Klösel und Klaus Schöne sitzen auf Sesseln und einem Sofa in den Räumlichkeiten des BEA-Projekts.

Die Akquise der BEA-Begleitungen findet häufig über Selbsthilfegruppen, deren Netzwerke, Mund-zu-Mund-Propaganda oder auch bereits tätige BEA-Begleitungen statt. Der erste Kontakt zwischen BEA-Begleitung und Teilnehmerin oder Teilnehmer entsteht dann in der Regel während eines gemeinsamen Treffens mit den vermittelnden Prozessmanagerinnen und -managern. Dafür wurden spezielle Räumlichkeiten eingerichtet, unter anderem in der Bielefelder Feilenstraße, unweit vom Bielefelder Hauptbahnhof und dem Jobcenter: Bequeme Sessel, ein paar Pflanzen und warmes Licht sorgen für eine entspannte Atmosphäre abseits vom behördlichen Kontext.

Zusammenarbeit ist individuell

Wie genau die Zusammenarbeit schließlich aussieht, ist ganz individuell. „Manche treffen sich zu Walk & Talk-Spaziergängen, andere unterstützen bei behördlichen Angelegenheiten wie dem Ausfüllen von Förderanträgen“, erklärt Prozessmanagerin Heike Klösel vom Jobcenter Bielefeld. „Manche BEA-Begleitungen nutzen auch ihr eigenes Netzwerk, wenn sie zum Beispiel schon lange in einer Selbsthilfegruppe engagiert sind. Ich erinnere mich noch daran, dass ein Teilnehmer, der sich nie in eine Selbsthilfegruppe getraut hat, schließlich mit der Unterstützung seiner BEA-Begleitung doch dorthin gegangen ist.“

Der Mensch steht im Mittelpunkt

Die Eins-zu-eins-Betreuung und der Beratungsprozess, den die Teilnehmenden selbst steuern – genau aus diesen Gründen hat sich BEA-Begleitung Katja Kluge sofort für das Projekt angemeldet, als sie über die freiwillige Suchthilfe Bielefeld e.V. davon erfuhr: „Bei der BEA-Begleitung haben der Mensch und seine Bedürfnisse Vorrang. Man kann sich wirklich Zeit für die Teilnehmenden nehmen. Hier steht der Mensch im Mittelpunkt, nicht die Arbeitsvermittlung.“

Zusammenarbeit aller Beteiligten auf Augenhöhe

Klara Lammers im Gespräch mit Klaus Schöne.

„Der Anspruch, mit allen Beteiligten auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten, ohne vorhandene Unterschiede zu verdecken, ist auf jeden Fall besonders“, betont Heike Klösel. Die kontinuierliche Reflexion darüber, ob und was gut gelinge, sei essenziell für den Erfolg des Projekts. Dafür gibt es immer wieder Gruppensupervisionen – sowohl für die BEA-Begleitungen, als auch für die Prozessmanagerinnen und -manager. Zusätzlich finden regelmäßig kollegiale Fallberatungen statt, in denen BEA-Begleitungen und Prozessmanagerinnen und -manager gemeinsam nach Lösungsansätzen suchen. Vonseiten des Projekt-Teams der FH werden dann Informationen erhoben durch regelmäßige Gruppendiskussionen, Einzelinterviews und Fragebögen. Dabei werden die Akteurinnen und Akteure aktiv in die Evaluation miteinbezogen, sodass Zwischenergebnisse bereits im laufenden Prozess an die Beteiligten zurückgespiegelt werden können.

Projekt soll aufzeigen, wie Strukturen in Jobcentern verbessert werden können

Hier setzt die wissenschaftliche Evaluation auf zwei Ebenen an: Zunächst werden mögliche Effekte auf die Teilhabechancen der Teilnehmenden ermittelt. Ein weiterer Schwerpunkt liegt dann auf der Betrachtung von Auswirkungen des neuen Beratungsansatzes auf organisationale Strukturen und Prozesse in den beteiligten Jobcentern. Dafür werden zusätzlich Interviews mit Mitarbeitenden im regulären Fallmanagement des Jobcenters geführt, um Vergleiche zwischen den Beratungssettings zu ermöglichen.

Die Erfahrung einer psychischen oder Suchterkrankung als eine Ressource

Klara Lammers erklärt in Bezug auf die gesellschaftliche Relevanz des Projekts: „Die Erfahrung einer psychischen Erkrankung oder Suchterkrankung wird im BEA-Projekt nicht als Defizit, sondern als Ressource im Unterstützungsprozess eingebunden. Das Projekt reflektiert somit auch gesellschaftliche Einstellungen gegenüber Sucht- und psychischen Erkrankungen und damit zusammenhängende Stigmatisierungsprozesse.“ Daher bietet das Projekt nicht nur Unterstützung für direkt Betroffene, sondern setzt auch ein gesamtgesellschaftliches Zeichen. (nhe)

Über das Projekt

Das Projekt „BEA“ wird als Verbundprojekt der beteiligten Jobcenter umgesetzt. Projektträger ist das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) im Zuge der Förderlinie „rehapro – Innovative Wege zur Teilhabe am Arbeitsleben“ und wird mit insgesamt rund 11 Millionen Euro über eine Laufzeit von fünf Jahren gefördert. Das Projekt startete im Dezember 2019.

Forschungsprojekt BEA

Fachbereich Sozialwesen