FH Bielefeld
University of
Applied Sciences
07.07.2021

Am Anfang war … die Schrift: Das ULTRAFETT-Festival der FH Bielefeld zelebriert die Kraft der expressiven Typografie

Ein weithin unterschätztes Gestaltungsmittel: Die renommierte Typografie-Konferenz des Fachbereichs Gestaltung präsentiert Vorträge internationaler Design-Koryphäen auf YouTube.

Eine Kugel und der Schriftzug Ultrafett vor einem rosa Hintergrund

Bielefeld (fhb). Während der Blumenladen um die Ecke mit einer schnörkelig verspielten Schreibschrift wirbt, zieren das Firmenschild der Software-Schmiede direkt daneben Buchstaben aus einem Science-Fiction-Film. Daran wird deutlich: Schrift vermittelt nicht nur Informationen. Vielmehr können durch die Auswahl und die Anordnung verschiedener Schriftarten und -stile, bestimmte Assoziationen, Botschaften und Emotionen an die Lesenden und Betrachtenden vermittelt werden.

Ultrafett 2021

Im Trend sind animierte Schriften und metallische Oberflächen

Aber welche Trends herrschen in der Typografie-Szene und darüber hinaus zurzeit in der Gesellschaft vor? Prof. Dirk Fütterer, Initiator des in diesen Tagen stattfindenden Typografie-Festivals ULTRAFETT der FH-Bielefeld, Dekan des Fachbereichs Gestaltung und Professor für das Lehrgebiet Typografie, versucht eine erste Antwort: „Ein richtiger Megatrend lässt sich kaum erkennen. Alles scheint nach dem Motto ‚Anything goes‘ zu laufen. Viele Stile existieren parallel. Zu beobachten ist allerdings, dass Schrift zunehmend animiert wird und sich immer öfter variabel, flexibel und fluid zeigt. Und: Plastisch-räumliche Fonts haben eine gewisse Konjunktur. Oft werden auch metallische Oberflächen eingesetzt, die effektvoll mit Lichtreflexionen spielen.“

ULTRAFETT – diesmal auf YouTube

Ein Screenshot des ULTRAFETT Youtube Kanals

Genau um die Frage nach aktuellen Trends und um verschiedene zeitgenössische Ansätze zur Schriftgestaltung geht es bei der diesjährigen ULTRAFETT. Das Typografie-Festival ist eine internationale Konferenz, die vom Fachbereich Gestaltung der FH Bielefeld veranstaltet und von Studierenden konzipiert, geplant und umgesetzt wird. Noch bis zum 11. Juli läuft die hochkarätig besetzte Veranstaltung – in diesem Jahr per Live-Stream auf YouTube. Dort werden die Videos auch über die Festival-Zeit hinaus bereitgehalten. Fütterer: „Wir wollen Spaß an der Typografie vermitteln, Mut zum Experimentieren anregen und Lust auf eine intensive Auseinandersetzung mit Schrift machen.“

Postmoderne Zeiten – wir alle sind Designer

Trends in der Typografie werden heute immer weniger durch einzelne Typo-Rockstars bestimmt. Stattdessen entwickeln sich neue Tendenzen weltweit parallel an verschiedenen Orten und in verschiedenen Netzwerken. „Richtungsweisende Gestaltung kann sowohl aus Weltmetropolen wie New York, London oder Berlin kommen, als auch aus regionalen Städten wie Bielefeld“, so Prof. Fütterer. „Typografie gewinnt an Bedeutung, weil nun jede und jeder Amateur-Setzerin oder -Setzer ist und sich eine Meinung zu Schrift- und Textgestaltung bildet. Dabei werden die aus dem Setzerhandwerk tradierten Regeln der professionellen typografischen Gestaltung weitgehend ignoriert. Aber auch für viele Profis scheinen keine allgemeingültigen Gestaltungsgesetze mehr zu gelten, die man irgendwie brechen könnte.“

Elf Internationale „Typo-Rockstars“ zu Gast

ULTRAFETT bringt sehr unterschiedliche Designerinnen und Designer aus den USA, England, Israel, Kanada, den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz vor die Kamera. Hier referieren sie über Schrift im Kontext von Büchern, Magazinen, Markenentwicklung, Motion, Lettering und Type Design. So entsteht ein umfangreicher und ganzheitlicher Blick auf die Welt der Typografie im Jahr 2021.

Vorträge von Paula Scher, David Pearson und Maison Hefner

Mit Paula Scher konnte das ULTRAFETT Team die derzeit vermutlich bekannteste Grafikdesignerin weltweit gewinnen. Die Amerikanerin wurde durch ihre vielseitigen und grammynominierten Vinyl-Cover-Designs für große Plattenstudios berühmt und prägt seitdem die Popkultur. Ihre Arbeiten für The Public Theatre, Citibank oder Tiffany & Co. sind zu Meilensteinen der Grafikdesign-Geschichte geworden.

David Pearson arbeitet seit fast 20 Jahren für den internationalen Verlag Penguin Books. Sein Werk umfasst beispielsweise das Buchcover von George Orwells „1984“ mit einer vollständig geschwärzten Typografie. Mit klarer Kommunikation im Hinterkopf ist Pearson zu einem Meister im Umgang mit Schrift als Bild geworden und lädt ein, in eine Geschichte einzutauchen, ohne ein Wort gelesen zu haben.

Von Branding über Malerei, Schriftgestaltung bis hin zu Tattoo-Kunst beherrscht Oded Ezer jede Form des typografischen Ausdrucks. Sein Werk ist dabei untrennbar mit seinem israelischen Erbe verbunden. Mit „HebrewTypography“ gründete Ezer die weltweit erste Schriftgießerei für hebräische Schriften. In Design-Fiction-Projekten wie Biotypografie oder Typoplastische Chirurgie verbindet Ezer den menschlichen Körper mit Schrift und zeigt seine tiefe Leidenschaft für Typografie.

Live-Übertragung und Aufzeichnungen auf YouTube

Bunte grafische Formen mit Buchstaben darauf

Verfolgen können interessierte Zuschauerinnen und Zuschauer die Vorträge auf dem eigenen YouTube-Kanal „ULTRAFETT Typography Festival“. Die Vorträge werden dabei nicht nur extra für ULTRAFETT gefilmt und produziert, sondern sind darüber hinaus auch durch Schnitt und Post-Produktion des Fachbereich Gestaltung der FH geprägt. Auch nach dem jeweiligen Live-Stream sind die Videos für alle Interessierten auf dem Kanal zu sehen.

Die unterschiedlichen Positionen der Gäste spiegeln sich in ebenso unterschiedlichen Formaten und Programmpunkten wider. In Talks, Portraits, Improvisationen, Interviews und Show-and-Tells sollen die Rolle, Bedeutung und Funktion, sowie neue Ausdrucksformen der Typografie im multi- und interdisziplinären Kontext präsentiert und betrachtet werden.

Ergänzt und abgerundet werden die Talks der Sprecher und Sprecherinnen durch sehenswerte experimentelle Musik-Videos, die unter der Überschrift ULTRAFETT by Night in einem von Prof. Claudia Rohrmoser und Prof. Florian Kühnle betreuten Seminar der Studienrichtung Digital Media and Experiment entstanden.

Weibliche Vorbilder zeigen

Ein Screenshot einer Videokonferenz mit elf Teilnehmenden

Wesentlichen Anteil am Zustandekommen der Veranstaltung hat ein 34-köpfiges Team aus Studierenden und Alumni der Studienrichtung Kommunikationsdesign und Digital Media and Experiment. Besonderen Wert legten die Studierenden dabei auf die Repräsentation erfolgreicher Frauen: „Mit einem Anteil von etwa 50 Prozent Sprecherinnen wollen wir insbesondere den Studentinnen an den Empfangsgeräten Wege im Berufsfeld der Typografie aufzeigen“, so Sarah Fyrguth, die sich gemeinsam mit Anke Warlies – beide Masterstudierende am Fachbereich Gestaltung – federführend um die Organisation des Festivals und die Produktion der Beiträge gekümmert hat. (she/lk)