Beispiele aus der psychosozialen Beratung

Studentin H. ist alles zu viel

Studentin H. kommt mit der Aussage in die Beratung, dass ihr alles zu viel ist. Sie befindet sich jetzt vor dem dritten Prüfungsversuch und hat Zweifel, ob sie den schaffen wird. Auch hat sie Schwierigkeiten, sich zu entspannen, da sie sich um ihre Mutter große Sorgen macht. Die Mutter plant umzuziehen, obwohl ihre Tochter, die Studentin, der Ansicht ist, dass ihre Mutter lieber in der Nähe bleiben sollte, da diese alleine im Leben nicht gut zurechtkommt. Das beschäftigt die Studentin so sehr, dass sie sich nicht auf das Lernen konzentrieren kann. Auch hat sie das ambitionierte Ziel, möglichst schnell fertig zu werden und alles gut und perfekt zu machen, nicht nur irgendwie durchzukommen. Sie weiß, dass sie das kann, aber zurzeit ist ihr einfach alles zu viel. 

Über ihre Sorgen in einer vertraulichen Atmosphäre sprechen zu können, beschreibt die Studentin in weiteren Gesprächen als sehr befreiend und entlastend. Im Laufe der Beratung werden ihr vor allem zwei Dinge bewusst, die sie als sehr hilfreich erlebt. Erstens möchte sie ihre Erwartungen an sich selbst herabsetzen. „Ich habe mir vorgenommen, nur bestimmte Prüfungen im nächsten Semester zu machen, so dass ich weniger Stress habe und mich ausreichend auf den dritten Prüfungsversuch vorbereiten kann“. Zweitens kann sie nun besser akzeptieren, dass ihre Mutter für ihr Leben selbst verantwortlich ist und ihre eigenen Entscheidungen treffen muss, auch wenn sie diese später vielleicht bereuen wird.

Die Studentin berichtet beim letzten Treffen, dass sie die Gespräche für sich gut nutzen konnte, um sich zu entlasten und ihre Situation zu reflektieren. Sie habe hilfreiche Anregungen bekommen, durch die sie gelassener in den dritten Prüfungsversuch gehen konnte. Von diesem erzählt sie übrigens später erleichternd und zufrieden: Sie hat bestanden.

Student M. traut sich die Bachelor-Arbeit nicht zu

Der Student M. kommt mit hängenden Schultern in die psychosoziale Beratung und schildert, dass er seine Abschlussarbeit nicht schreiben könne. Er schiebt sie schon geraume Zeit vor sich her, denn er hat Angst vor Bewertung, möchte am liebsten wegrennen, fühlt sich einfach überfordert. Dazu kommt, dass er noch eine Hausarbeit schreiben muss. Die Zeit tickt und seine Erwartungen an sich selbst sind recht hoch. Eigentlich kann er schreiben, sagt er, doch irgendwie schafft er den Anfang nicht, jeder Satz erscheint ihm irgendwie verkehrt und lapidar. Er leidet unter Appetitlosigkeit und Kopfweh. Unterstützung von seinen Freunden kann er sich nicht holen, denn dort ist er immer der, der den anderen hilft. Er möchte nun nicht „sein Gesicht verlieren“.

Der Student M. nimmt an sechs Beratungen teil und lernt, sich Hilfe bei der Schreibberatung in seinem Fachbereich zu suchen und das Projekt „Abschlussarbeit“ Schritt für Schritt zu planen. So startet er mit der Forschungsfrage und Sichtung von geeigneter Literatur. Nachdem er sich einen Überblick verschafft hat, wächst sein Zutrauen und er beginnt eine Gliederung zu entwickeln. Obwohl seine Stimmung streckenweise noch sehr schwankt, geht er regelmäßig in die Bibliothek, denn dort kann er am besten konzentriert arbeiten. Im Zuge der Beratungen überwindet er sich und sucht auch seine Betreuerin auf, um sie über den Stand seiner Arbeit zu unterrichten. Gänzlich unerwartet für ihn ist sie mit seinem Bearbeitungsstand und Schreibprozess sehr einverstanden. Mit dieser Anerkennung und seinem Fortschritt besitzt er nun den Mut, seine Freunde ums Korrekturlesen seiner Arbeit zu bitten. Ein Freund ist behilflich bei der Rechtschreibung und Grammatik, ein anderer kann seine Arbeit inhaltlich beurteilen.

Ohne das zeitliche „Rettungspolster“ Krankschreibung zu nutzen, gibt er seine Abschlussarbeit in der regulären Zeit ab. Nach ein paar Wochen kommt M. froh und lächelnd in die Beratung. Sein Werk wurde mit einer guten Note bewertet. Doch nicht nur das ist wichtig für ihn: Er ist glücklich, denn er hat gelernt, um Hilfe zu bitten.

Studentin C. weiß nicht, wie es nach dem Studium weitergehen soll

Die Studentin C. kommt in die Beratung und ist verzweifelt. Sie kann schlecht schlafen, ihre Stimmung ist gedämpft und sie wirkt mutlos. „Ich habe überhaupt keine Idee, wie es weitergehen soll“. Sie ist ein Jahr vor ihrem Masterabschluss und leidet darunter, dass sie nicht weiß, in welchen Bereich sie beruflich einsteigen möchte. Die Erfahrung aus dem Praktikum haben ihr bei der beruflichen Orientierung nicht geholfen, auch kann sie sich nicht so recht für einen Studienschwerpunkt begeistern. Sie vergleicht sich mit ihren gleichaltrigen Freunden, die alle schon ihren Platz in der Berufswelt gefunden haben und erlebt sich als Versagerin. Auch in ihrer WG klappt es nicht, es gibt viel Ärger mit einer Mitbewohnerin. Am liebsten möchte sie zurück in ihre süddeutsche Heimat, wo Eltern und „alte“ Freunde leben.

Früher war sie immer diejenige, bei der alles klappte. Ihr Vater sagte immer: „Schau mal meine Tochter, wie die so schön lernen kann. Die wird mal groß rauskommen“. Ihre Eltern, zu denen sie eine gute Beziehung hat, sind stolz auf sie. Denn sie ist die Erste und Einzige, die in der Familie studiert. C. erwartet viel von sich, alles soll perfekt laufen. Probleme behält sie lieber für sich. Im Gespräch findet sie heraus, dass es hilfreich für sie wäre, ihr Stärkeideal zu hinterfragen und sich Schwäche einzugestehen. Sie will versuchen, sich ihren Freunden und auch den Eltern anzuvertrauen und über ihre krisenhafte Situation zu sprechen. Einen ersten mutigen Schritt hat sie bereits beim Besuch der psychosozialen Beratung in der Hochschule getan. Ihr wird bewusst, dass alle Menschen in ihrem Leben Schwächephasen durchleben und diese wiederum die Chance bieten, sich mit dem Gegenüber zu solidarisieren und zu verbinden. Beziehungen können dadurch an Zuneigung und Beständigkeit gewinnen.

Im Laufe der Gespräche kann C. ihren Erwartungsdruck an sich selbst reduzieren. Sie entwickelt im Laufe der Zeit eine Entspanntheit und Lockerheit, die ihr erlaubt, für die Berufsfrage einen Plan zu schmieden. Sie wird sich nach Abschluss als Trainee bewerben. Denn als Trainee hat sie die Möglichkeit, viele unterschiedliche Berufsfelder in einem Unternehmen kennenzulernen und herauszufinden, was ihr Spaß und Freude macht. Mit dieser Klarheit und Kraft entscheidet sie sich ebenso aus der Wohngemeinschaft auszuziehen, um in Ruhe ihr Studium zu beenden.

Student B. ist unsicher, ob er mit seinem Anliegen in der Beratung richtig ist

„In der Psychosozialen Beratung sind Sie mit jedem Anliegen richtig“, ist die erste Aussage der psychologischen Beraterin. Sie vermittelt dem Studenten, dass er mit jedem Problem die Beratung aufsuchen darf und dass er für alle Anliegen einen geschützten und vertrauensvollen Raum bekommt. Denn natürlich sind auch Studierende in ihrem alltäglichen Leben nicht nur mit studienbezogenen Schwierigkeiten konfrontiert. Es kommt nicht selten vor, dass psychosoziale Schwierigkeiten oder Probleme in hochschulfernen Bereichen Auswirkungen auf das Studium haben.

B. fällt es am Anfang sehr schwer für sein Problem Worte zu finden. Er erzählt zögerlich, dass er seit einiger Zeit immer öfter auf Verhaltensweisen und Charakterzüge seiner langjährigen Freundin stößt, die ihn massiv stören. Deswegen hat er sich vor einer Woche von ihr getrennt. Doch anstelle Erleichterung geht es ihm seitdem gar nicht gut. Als er berichtet, wie seine Freundin auf seine Trennung reagiert, beginnt er zu weinen. Er stockt, hält den Atem an und sagt: „Dieses Weinen kenne ich nicht von mir, ich dachte immer, dass ich schlecht Gefühle zeigen und ausdrücken kann. Es fällt mir ungemein schwer, meine Freundin so leiden zu sehen.“ Gemeinsam mit der Beraterin bespricht er seine Erwartungen, Bedürfnisse und Wünsche an die Beziehung. Diese Reflektion und vertiefte Erörterung über seine Beziehung sind neu für ihn. Er entdeckt unerwartet Neues über sich. Für die kommenden Wochen vereinbart er mit der Beraterin, sich Gedanken über die Vor- und Nachteile der Beziehung zu machen und den Kontakt zu seiner Freundin einzustellen, sie jedoch über sein Vorhaben zu informieren.

B. kommt zu weiteren Gesprächen und ist von Mal zu Mal sichtlich besser gelaunt. „Es hat mir geholfen, mit Ihnen zu sprechen, denn nun hat sich vieles für mich geklärt und zum Positiven gewendet. Ich habe gemerkt, dass auch ich Fehler gemacht habe“. B. hat sich nach längerem Überlegen und Reflektion für die Beziehung entschieden, ist bereit Kompromisse einzugehen und sich öfter mit seiner Partnerin über kritische Themen auszutauschen.