FH Bielefeld
University of
Applied Sciences
16.04.2015

Nachruf: Prof. Dipl.-Ing. Klaus-Jürgen Schneider im Alter von 84 Jahren verstorben.

Der Bauingenieur lehrte von 1965 bis 1996 in Minden.

Porträt von Prof. Dr. Klaus-Jürgen Schneider

Minden (fhb). Ein Buch ist jedem Bauingenieur bekannt: Die Schneider-Bautabellen.
Dieses Buch geht auf die Ingenieurschule in Minden, dem heutigen Campus Minden der Fachhochschule (FH) Bielefeld zurück, an der Professor Klaus-Jürgen Schneider als Herausgeber und Autor der Bautabellen von 1965 bis 1996 lehrte.

Die Idee, mit der er und seine engsten Kollegen nicht nur das restliche Zweidrittel der Lehrenden als Autoren, sondern, wie sich nach Erscheinen des Buches zeigte, auch die gesamte Fachwelt überzeugte, war einzigartig: Neben den bisher vorhandenen umfänglichen wissenschaftlichen Werken von Professoren der Technischen Hochschulen sollte ein kurz gefasstes Buch erscheinen, das zu jedem Thema oder Nachweisverfahren mit einem einfachen Beispiel aus der Praxis bestückt ist. Der Erfolg war umwerfend, nachdem Schneider als Herausgeber mit dem Verleger Otto Werner (Werner-Verlag Düsseldorf) und unter Ansporn der Kollegen der Architektur und des Bauingenieurwesens die Kompetenzen zueinander geführt hatte. Die Schneider-Bautabellen waren 1974 geboren und sind bis heute das meist benutzte Standardwerk.

Klaus-Jürgen Schneider studierte, aus Güstrow kommend, in Berlin Bauingenieurwesen und war dort als Diplomingenieur am Lehrstuhl für Statik zusammen mit dem späteren Professor Jörg Schlaich als Assistent tätig. Zu dieser Zeit begann er, seine vielfältigen Kontakte für seine spätere Tätigkeit als Autor, Herausgeber, Lektor und später als Verleger zu knüpfen. In der Ingenieurschule für Bauwesen in Minden setzte er sich zunächst für die Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen in der Praxis des Bauwesens ein und aktivierte dazu fast alle Kollegen. Im Zuge dieser Arbeit motivierte Schneider die Kollegen, Bücher im Taschenbuchformat auf ihrem jeweiligen Fachgebiet zu schreiben. Daraus entstand die WIT-Reihe (Werner-Ingenieur-Texte) mit rotem Einband. Deutschlandweit bekannt und zu nennen sind hier der Werner-Holzbau, Schweda und Kahlmeiers Stahlbau, sein eigener Mauerwerksbau und viele weitere der insgesamt fast 90 Bücher zur Tragwerkslehre, Massivbau, Architektur und anderen Fächern. Diese Bücher waren in jeder Lehranstalt, auch an den Technischen Hochschulen, und in allen Büros und Baufirmen zu finden.

Klaus-Jürgen Schneider hatte ein Gespür dafür, zu erkennen, welche Themen und Bücher in der Praxis benötigt und gut nachgefragt würden. Er hatte die Fähigkeit, die gewonnenen Autoren zu motivieren, sich bei der Ausarbeitung ihrer Bücher äußerste Mühe zu geben. Er war offen für alle Fachrichtungen - seinerzeit wurden die beiden Fachbereiche Architektur und Bauingenieurwesen zu einem gemeinsamen Fachbereich zusammengelegt. Mit dem Architekten-Kollegen Wiethüchter hat er in der gemeinsamen Lehre zur Baukonstruktion den Gedanken des Integralen Bauens geprägt und umgesetzt.
Mit dem Rückenwind der Bautabellen reiste Professor Schneider unermüdlich durch die Republik und machte den Standort Minden überall bekannt.

Professor Schneider war 1987 Mitbegründer des BAUFORUM MINDEN und für das jährli­che Vortragsprogramm zuständig. In gewisser Weise war er dadurch sogar an der Gestaltung der neuen Glacis-Weserbrücke beteiligt: Nachdem er 1994 seinen Freund aus der Berliner Assistenzzeit, Professor Dr. Jörg Schlaich, zu ei­nem Fachvortrag über leichte weitgespannte Tragkonstruktionen im Rahmen des BAUFORUM eingeladen hatte, wurde Schlaich von der Stadt Minden in die Planung der neuen Glacis-We­ser­brücke mit Entwurf und Realisierung als leichte, transparente Hängebrücke einbezogen.

Nach seiner Pensionierung zog Schneider sich etwa zeitgleich mit dem Verleger Otto Werner aus dem Werner-Verlag zurück und gründete 1996 seinen eigenen Verlag. Der Bauwerk-Verlag Berlin brachte mit ihm als geschäftsführendem Gesellschafter und unermüdlichem Motor fast zwei Jahrzehnte lang ganz hervorragende Fachbücher auf den Markt.

Jeder, der Klaus-Jürgen Schneider kannte, wird sich an den roten Schal erinnern, den er zu tragen pflegte. Als großer Musikliebhaber und Geiger förderte er seine vier Kinder, so dass heute drei in hervorragenden Orchestern bis hin zu den Berliner Philharmonikern spielen.

Die letzten Jahre lebte Klaus-Jürgen Schneider wieder in Berlin, dem Sitz seines Verlages und zugleich in der Nähe seiner Tochter. Man traf ihn regelmäßig bei Tagungen und anderen Veranstaltungen des Bauwesens und auch bei seinen Besuchen am Fachbereich in Minden, seiner alten Lehranstalt.

Klaus-Jürgen Schneider starb am 21. Februar 2015 im Alter von 84 Jahren im Kreise seiner Familie.

Text: Klaus Peters