FH Bielefeld
University of
Applied Sciences
11.09.2021

Bielefelder Altstadt wurde zum Laufsteg

Modestudierende der FH Bielefeld präsentierten am Samstag in Kooperation mit dem Kunstverein Bielefeld ihre Abschlusskollektionen. Ausladende Kleider, recycelte Streetwear und textile Hommagen an weibliche Vorbilder versetzten Besucherinnen und Besucher der Bielefelder Innenstadt ins Staunen.

Zwei Frauen in rosafarbenen Kleidungsstücken

Bielefeld (fhb). Ein ungewöhnlicher Anblick vor dem Bielefelder Rathaus: Zwei junge Frauen in auffälligen rosa Kleidungsstücken laufen die Straße entlang. Die weiten Ärmel erinnern eher an die 80er Jahre als an 2021. Einige Passanten zücken ihr Handy, um schnell ein Foto zu machen. Andere staunen den Models hinterher, die bereits um die nächste Ecke verschwunden sind. Haute Couture im öffentlichen Raum – eine Seltenheit, vor allem in den vergangenen anderthalb Jahren.

Das änderte die „Tour de la Mode“ des Fachbereichs Gestaltung der Fachhochschule (FH) Bielefeld. Absolventinnen und Absolventen der Studienrichtung Mode präsentierten ihre Abschlusskollektionen in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Bielefeld in der Stadt. Die Models liefen dabei bei wechselhaftem Spätsommerwetter quer durch die Bielefelder Altstadt und präsentierten insgesamt 12 Bachelor- und 4 Masterkollektionen.

Erfolgreiche Modekollektionen trotz Pandemie

Die Modenschau ist seit Jahren fester Bestandteil der Bielefelder Kulturszene. Musste sie vergangenes Jahr aufgrund der Pandemie ausfallen, verlegte der Fachbereich sie in diesem Jahr kurzerhand ins Freie. Philipp Rupp, Professor für Kollektionsgestaltung und Modedesign freut sich über die Möglichkeit, die Kollektionen wieder der Öffentlichkeit präsentieren zu können. „Trotz der erschwerten Bedingungen sind auch in den vergangenen digitalen Semestern wieder starke, kreative Abschlüsse in der Studienrichtung Mode entstanden“, so Rupp. „Mit dieser ganz besonderen Alternative zur Modenschau können wir die Kollektionen ganz nah und in einem alltäglichen Umfeld erleben.“  Ganz spurlos ging die Pandemie übrigens doch nicht an der Performance vorbei: Alle Models trugen zu den Kollektionen passende Stoffmasken.

Surrealistische und ausladende Kleider

Eine Frau steht vor eine Wand mit Outfitifotos und lächelt in die Kamera

Bei den auffälligen roten Kleidungsstücken vor dem Rathaus handelte es sich um die Abschlusskollektion „violent delights have violent ends“ von Isabell Bosien. Die Masterabsolventin setzte sich mit Ambivalenzen in romantischen Beziehungen auseinander und ließ sich dabei von Beziehungen surrealistischer Künstlerinnen und Künstlern wie Hans Bellmer, Unica Zürn und Louise Bourgeois inspirieren.

Bosien: „Besonders interessant sind für mich die oft extremen und gegensätzlichen Emotionen, die durch eine Beziehung hervorgerufen werden und diese prägen können.“ Die Absolventin übersetzte diese Ambivalenzen gestalterisch in ihre Kollektion: Matte und glänzende Materialien, leichte und schwere Stoffe ergänzen sich zu einem auffälligen und doch harmonischen Ganzen. Auch die Farben bewegen sich dabei zwischen leidenschaftlichen Rot- und Rosatönen bis zu konträren kalten Blautönen und Violett.

Kooperation mit dem Kunstverein Bielefeld

Eine Frau richtet den Mantel eines Mannes

Start- und Endpunkt der „Tour de la Mode“ war der Innenhof des Kunstvereins Bielefeld. Bereits am Samstagmorgen war hier aufgeregtes Gewusel zu beobachten: Die Studierenden kleideten ihre Models an und nahmen letzte Feinschliffe an den Kleidungsstücken vor. Interessierte Besucherinnen und Besucher nutzten den Innenhof, um mit den Absolventinnen und Absolventen ins Gespräch zu kommen und aus erster Hand mehr über die Kollektionen zu erfahren.

Die „Tour de la Mode“ wurde in Kooperation mit Kunstverein Bielefeld im Rahmen der Reihe CABRIO 2021 durchgeführt. „CABRIO 2021 widmet sich mit verschiedenen Herangehensweisen der Stadt, dem öffentlichen Raum und dem urbanen Miteinander“, so Kuratorin Leonore Spemann vom Kunstverein. „Mit CABRIO 2021 erproben wir verschiedene Formate, um das Verständnis für aktuelle Konflikte um den öffentlichen Raum kollektiv zu schärfen. Mit den Veranstaltungen wie der Tour de la Mode laden wir dazu ein, die eigene Auffassung von öffentlichen Raum auf den Prüfstand zu stellen und die Stadt, in der wir leben wollen, neu zu erfahren und gemeinsam zu denken.“

Recycelte Streetwear am Jahnplatz

Auf dem Jahnplatz schlängelten sich die Models an den Shoppinggästen vorbei. Optisch fügte sich die Streetwear-Kollektion „REGRAYMENT“ mit den blau-silbernen Jacken von Bachelor-Absolventin Carlotta Laufkötter dabei fast perfekt in das urbane Stadtbild. Ihr Fokus liegt auf der Gestaltung nachhaltiger Streetwear, die auf unsere Wegwerf-Mentalität aufmerksam macht und gleichzeitig eine moderne Art des Recycelns aufzeigt. Die Kollektion besteht ausschließlich aus bereits getragenen, alten oder teils kaputten Kleidungsstücken. 

REGRAYMENT beschäftigt sich dabei mit dem „Sampling“ aus der frühen Hiphop Szene, eine bis heute verwendete Technik zum Mixen von bestehender Musik zu etwas ganz Neuem. „Während dort Beats, Sounds und Lines für neue Songs verwendet werden, wird diese Technik auf Kleidung angewendet, um aus Altem Neues entstehen zu lassen“, erklärt Laufkötter.

Kostüme für fiktives Theaterstück über starke Frauen

Im Gegensatz zu der fast alltagstauglichen Kollektion von Laufkötter, fallen die Kleidungsstücke von Bachelorabsolventin Julia Wartemann zwischen den Besucherinnen und Besuchern der Stadt direkt auf. Aus gutem Grund: Konzipiert sind sie als Kostüme für das (noch) fiktive Theaterstück Auf der Damentoilette von Wartemann selbst. Die Idee dahinter: Vier berühmte Frauen, nämlich Théroigne de Méricourt, Dr. James Barrey, Gertrude Bell und Katherine Johnson, treffen sich zufällig auf einer Damentoilette. Es sind reale Frauen aus verschiedenen Jahrzehnten und Ländern, die sich alle ihrer Zeit zum Trotz selbst verwirklicht haben. Die Damentoilette stellt dabei für viele Frauen den einzig sicheren Rückzugsort dar. 

„Mit den Kostümen habe ich versucht, jede dieser einzigartigen Frauen darzustellen, dabei aber nicht nur ein oberflächliches Abbild, sondern vielmehr eine Hommage an die Frauen und ihr Leben zu zeigen“, erklärt Wartemann. „Mit meiner Arbeit möchte ich ihnen Aufmerksamkeit schenken, eine Plattform bieten und ihre Geschichten erzählen.“

Werkschau-Website dokumentiert Abschlussarbeiten

Sechs Personen laufen eine Straße entlang

Alle Kollektionen werden auf der Werkschau-Website des Fachbereichs Gestaltung unter werkschau.gestaltung-bielefeld.de vorgestellt. Auch die Abschlussarbeiten der Studienrichtungen „Fotografie und Bildmedien“, „Kommunikationsdesign“ sowie „Digital Media and Experiment“ sind dort zu sehen. Die Website wird fortlaufend aktualisiert. (she)