FH Bielefeld
University of
Applied Sciences
19.11.2021

Digitalisierungskongress: Viele reden darüber, wenige kennen die tatsächliche Dimension – die FH Bielefeld öffnet die „Blackbox“ Digitalisierung

In mehr als 70 Vorträgen, Workshops und einem #FutureSlam stellten sich auf dem Fachkongress „Digitale Innovationen für eine nachhaltige Entwicklung“ verschiedene Disziplinen und Forschungsbereiche den Fragen: Haben wir die Digitalisierung eigentlich schon richtig verstanden? Und: Wie können wir sie als hilfreiches Werkzeug in unseren Lebens- und Arbeitswelten einsetzen?

Auf einem Computerbildschirm sind mehrere Kameraansichten zu sehen

Bielefeld (fhb). Laut Data-Evangelist Mina Saidze produziert heute jeder Mensch – quasi nebenbei – ein Gigabyte Daten pro Tag. Daraus muss sich doch etwas machen lassen! Die Frage ist nur, was genau und wem nützt das am Ende? Und: Wie sollte diese Nutzung vonstattengehen, damit möglichst viele Menschen teilhaben an dem zu hebenden Datenschatz und ihren Vorteil daraus ziehen.

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Nele Kießling, Axel Benning und Marcell Saß sitzen nebeneinander auf einer Bühne

Das sind Überlegungen, welche nicht nur die Keynote-Speakerin Saidze umtreiben, sondern nahezu alle Akteure und Akteurinnen des Fachkongresses „Digitale Innovationen für eine nachhaltige Entwicklung“. Im Zentrum der dreitätigen Online-Veranstaltung der Fachhochschule (FH) Bielefeld, die vom 17. bis zum 19. November aus dem Konferenzsaal der FH live ins Internet übertragen wurde, stand so immer auch eine Erkenntnis: Wir müssen „Digitalisierung“ zunächst verstehen und hinterfragen, um auch in Zukunft souverän agieren zu können. Die Themen reichten dabei von digitaler Kompetenz über Digitales Lernen und Lehren bis zu Digitalisierung in Wirtschaft, Technik und Gesundheit – und verdeutlichten so ganz nebenbei das breite Forschungsspektrum der Hochschule.

Keynote von Wolf Lotter

Mehr als 70 Vorträge von Forschenden 

Ob Beratung per Video im ländlichen Raum, rechtliche und ethische Fragen beim Umgang mit Technik oder Auswirkungen auf den Menschen beim Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) am Arbeitsplatz: Mehr als 70 Vorträge, Workshops, Keynotes, eine Postersession und ein #FutureSlam lieferten Impulse und konkrete Anregungen, wie uns Digitalisierung im Alltag unterstützen kann.

Dass die Digitalisierung ein Megatrend in Wirtschaft und Gesellschaft ist, davor kann heute niemand mehr die Augen verschließen. Während bislang zumeist darüber diskutiert wurde, was technisch überhaupt möglich ist, geht es mittlerweile mehr und mehr auch um eine Auseinandersetzung mit den Einsatzfeldern und den Folgen datenbasierter, digitaler Technologien für den Menschen, für Organisationen, für die Gesellschaft und für die Umwelt. Diese Wendung wurde auch im Diskurs des Fachkongresses deutlich – und spiegelte dabei auch den Anspruch des FH-Jubiläumsmottos „50 Jahre Zukunft“ wider.

FH Bielefeld als Transferplattform

Vom Sprachprogramm ELIZA in den 1960ern über Marshall McLuhans Medientheorie bis zu „Fake News“ in der heutigen Zeit – zu Beginn des Kongresses gab Prof. Dr. Ingeborg Schramm-Wölk, Präsidentin der FH Bielefeld, einen Rückblick auf die Beziehung der Menschheit mit digitalen Technologien. „Diese Entwicklungen verlangen von uns allen ständig immer neue Kompetenzen, in Lehre und Forschung und bei der Anwendungsentwicklung“, so die Präsidentin. „Die Fachhochschule Bielefeld trägt als interdisziplinäre Bildungs-, Forschungs- und Transferplattform durch Lehre, durch Erkenntnisgewinnung und durch den Diskurs mit Unternehmen und Organisationen maßgeblich zu der Verbindung von digitalen Innovationen mit einer ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit bei.“

Keynotes von Wolf Lotter und Mina Saidze

Der Regieplatz beim Fachkongress, mehrer Bildschirme und Laptops sind zu sehen

Wichtige Impulse für den Kongress lieferten direkt zu Beginn des Hauptkongresstages am 18. November zwei Keynote-Vorträge. Journalist, Autor und „brandeins“-Gründungsmitglied Wolf Lotter thematisierte in seinem Vortrag „Zusammenhänge: Wie wir lernen, die Welt wieder zu verstehen“, dass die Menschen nur gemeinsam die „Blackbox“ der Digitalisierung öffnen können: „Wir müssen Wissen so erklären, dass es von anderen verstanden und anerkannt werden kann. Es reicht nicht, nur Raketenwissenschaft zu betreiben.“ Auf die Frage, ob Digitalisierung gefährlich sei, folgte die klare Antwort: „Eine verstandene Technologie ist ein Werkzeug, das der Menschheit dient. Digitalisierung ist nicht gefährlich, unsere intellektuelle Faulheit mit ihr ist allerdings brandgefährlich.“

Auf der Bedeutung von Datendemokratisierung lag der Fokus von Data-Evangelist und „Inclusive Tech“-Gründerin Mina Saidze: „Als Tochter von Aktivisten ist mir unheimlich wichtig, dass das Verständnis von Daten nicht nur das Privileg einer kleinen Elite ist, sondern für alle zugänglich ist.“ Die Menschheit schwanke zwischen Optimismus und Angst im Angesicht des rasanten technischen Fortschritts. Ihre Lösung: Angst abbauen und Kompetenzen schaffen, beispielsweise durch die Implementierung von Data Science als verpflichtendes Schulfach. „Wir müssen nicht alle ausgebildete Data Scientists sein, aber wir sollten in der Lage sein, Brücken zwischen der Tech-Community und der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu bauen.“

Innovative Wissenschaftskommunikation beim #FutureSlam

Fabian Schoden steht vor einer Wand mit dem 50 Years of Future Logo und spricht in eine Kamera

Dass sich komplexe Themen tatsächlich verständlich erklären lassen, bewiesen die Teilnehmer des #FutureSlam, der am Mittwochabend den Auftakt des Kongresses bildete. Die Herausforderung: Das eigene Forschungsthema in unter zehn Minuten verständlich, humorvoll und spannend für das Publikum aufzubereiten.

Unter dem Titel „Strom aus Früchtetee“ erklärte Fabian Schoden, Doktorand am Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik der FH Bielefeld, wie natürlich gefärbte Farbstoffsolarzellen Lichtenergie in elektrische Energie umwandeln können. Prof. Dr. Jan Robert Ziebart, Professor für Konstruktionslehre an der FH Bielefeld, gab einen Insiderbericht aus seinem Arbeitsalltag und überzeugte, dass der Digitalisierungsschub durch Corona durchaus eine „Bewusstseinserweiterung“ für die Hochschullehre sein kann.

Gewinner des Jury- und Publikumspreises war Niklas Hoffmann, der in der Biotechnologie der Universität Bielefeld promoviert und dort untersucht, wie man Mikroorganismen möglichst effizient zur Herstellung von Lebensmitteln nutzen kann. In seinem Vortrag nahm er das Publikum mit auf eine Reise durch Zeit und Raum auf die „I.S.S. – International Snack Station“ und beantwortete die Frage, wovon sich die Menschheit in Zukunft ernähren wird: Mikroalgen. Der #FutureSlam wurde in Kooperation mit Bielefeld Marketing durchgeführt. Als Vorbereitung erhielten alle Teilnehmenden einen Workshop in erfolgreicher Wissenschaftskommunikation. 

CareTech OWL: Lösungsansätze aus der Forschung in die Praxis bringen

Abgerundet wurde der Kongress am Freitag mit dem Symposium des Forschungsverbunds CareTech OWL. In Vorträgen und einer anschließenden Podiumsdiskussion wurde diskutiert, wie mit einem interdisziplinären Zugang Innovationen für Versorgungskontexte in den Feldern gesundheitlicher, pflegerischer, therapeutischer und sozialer Unterstützung befördert werden können. Diese Innovationen sollen gleichermaßen die Entwicklung neuer technischer Systeme und ihre Einbindung in reale Arbeitskontexte im Care-Sektor fördern.

Dazu Prof. Dr. Udo Seelmeyer, Mitorganisator des Fachkongresses und Sprecher von CareTech OWL: „Wir merken immer wieder, dass Technikentwicklung im Gesundheits- und Sozialbereich viel stärker die Bedarfe und Besonderheiten berücksichtigen muss, die es hier gibt.“ Aus diesem Grund beschreitet CareTech OWL einen ganz neuen Weg und geht mit der Forschung dahin, wo die Versorgungspraxis stattfindet. „Mit unseren Praxispartnern bauen wir zwei Reallabore in den Bereichen Geriatrie und Frühe Hilfen auf. Das Symposium hat gezeigt, wie wichtig das ist, damit Lösungsansätze aus der Forschung auch tatsächlich in der Praxis ankommen.“ Und so nahmen an der Podiumsdiskussion mit Uwe Borchers, (Zentrum für Innovation in der Gesundheitswirtschaft OWL), Björn Gorniak (Connext Communication GmbH), Petra Krause, v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel und Georg Rüter (Katholische Hospitalvereinigung Ostwestfalen gem. GmbH) natürlich auch Vertreterinnen und Vertreter aus der Praxis teil.

Breite Themenvielfalt an drei Tagen

Hans Brandt-Pook sitzt in einem Hörsaal und spricht gestikulieren

Insgesamt neun Impulsvorträge zeigten in einem achtstündigen Livestream am Donnerstag einen Querschnitt der Themenvielfalt des Kongresses. Ergänzt wurde das Liveprogramm durch zahlreiche Vorträge, Workshops und einer Postersession, die parallel auf der digitalen Konferenzplattform angeboten wurden. Mehr als 500 Teilnehmende aus ganz Deutschland diskutierten in den Sessions mit. Hans Brandt-Pook, Professor für Wirtschaftsinformatik an der FH Bielefeld und Mitorganisator des Fachkongresses, resümiert: „Die vergangenen drei Tage haben eindrucksvoll gezeigt, in welcher thematischen Breite und strukturellen Vielfalt die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung an der FH Bielefeld bearbeitet werden. In den Keynotes, Vorträgen und Impulsbeiträgen wurden viele Facetten sichtbar, die im Austausch gewinnbringend für alle Teilnehmenden vertieft werden konnten.“

Die Aufzeichnungen der Keynotes sowie des Symposiums von CareTechOWL werden in Kürze auf www.fh-bielefeld.de zur Verfügung stehen. Die FH Bielefeld richtete den Fachkongress gemeinsam mit  dem Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e. V., aus. (she)